2. Blick ins Buch (Die Herrin der Seelen)

Atti­cus!“, in Sami­ra­mis Stim­me lag blan­ker Hohn und ein Hass, den er nie für mög­lich gehal­ten hät­te. „End­lich, nach so vie­len Jah­ren sehen wir uns wie­der! Ich hat­te schon befürch­tet, ich müss­te auf ewig auf dei­ne Gesell­schaft ver­zich­ten. Doch, wie mir scheint, war das Schick­sal mir holt.“ Sie kicher­te lei­se. „Wenn ich dich jetzt berüh­ren wür­de, hät­te ich eine wun­der­schö­ne Sta­tue. Ich könn­te sie, „Ehr­er­bie­tung des Ver­rä­ters“, nen­nen. Was hältst du davon?“ Atti­cus schwieg. „Kei­ne Sor­ge, ich wer­de dich in die­ser Stel­lung nicht berüh­ren. Ich mache es dir etwas beque­mer. Nicht sehr viel, aber immer­hin etwas, doch glau­be nicht, dass ich es dir auch leicht machen wer­de. Du hast mich hin­ter­gan­gen wie noch kei­ner vor dir. Du hast mir das genom­men, was mir zusteht und dafür wirst du büßen.“ Er hör­te, wie sie das Podest des Thro­nes lang­sam hin­ab schritt und vor ihm ste­hen blieb. Dann pack­te sie ihn bei den Haa­ren und zog sei­nen Kopf in die Höhe, sodass er sie anse­hen muss­te. „Wie du siehst, kann ich es kon­trol­lie­ren. Wäre doch zu scha­de, wenn dein wun­der­vol­ler Kör­per einen stei­ner­nen Kopf tra­gen müss­te. Das wäre die reins­te Ver­schwen­dung. Obwohl, irgend­wie gefällt mir der Gedan­ke, dass du mit anse­hen musst, wie dein Kör­per unter dir ver­rot­tet, weil du nicht mehr in der Lage bist zu atmen.“ Sie ließ ihn wie­der los und sogleich zwan­gen ihn ihre Män­ner wie­der in sei­ne vori­ge Hal­tung. „Atti­cus, Atti­cus, das hät­te ich nie­mals von dir gedacht.“ Sie lief vor ihm auf und ab. „Als ich dir Sil­va­na damals wie auf einem Tablett ser­vier­te, dach­te ich, du wärst nur auch so ein ver­schreck­ter Bur­sche, der es mir leicht machen wür­de. Doch du hast mich über­rascht. Nicht im posi­ti­ven Sin­ne!“, ihre Stim­me erst gefähr­lich lei­se und säu­selnd, wur­de immer schril­ler und lau­ter. „Durch dich habe ich ein vier­tel Jahr­hun­dert ver­geu­det. Durch dich konn­te ich ein vier­tel Jahr­hun­dert lang mei­ne Auf­ga­be nicht erfül­len. Ich has­se dich und das wirst du mit vol­ler Wucht zu spü­ren bekom­men. Und jetzt, da du es geschafft hast, mir ihren Dienst voll­kom­men zu ver­wei­gern, bis auf, …. Du weißt schon was, wird es noch hef­ti­ger für dich aus­fal­len.“ Wie­der wur­de ihre Stim­me gefähr­lich lei­se. „Hast du mei­ne Ata­ira gese­hen? Sicher hast du das. Sie war die ers­te, die mir bei mei­ner Auf­ga­be half und sie gab sich ger­ne für mich hin. Sie wuss­te, wel­che Bür­de auf mir las­te­te und gab mir die Kraft sie zu meistern.“

Du nennst es Bür­de, ich wür­de es Fluch nen­nen“, brach­te er zwi­schen zusam­men­ge­press­ten Zäh­nen hervor.

Es ist kein Fluch. Es ist eine Bür­de, die ich tra­gen muss. Sieh dir all mei­ne Nach­kom­men an. Sie alle tra­gen die­sel­be Bür­de wie ich.“

Nur dass du quick­le­ben­dig durch die Gegend stol­zierst, wäh­rend sie …“

Schweig still”, zisch­te sie ihm ent­ge­gen. „Ich habe dir nicht das Wort erteilt, und wenn du nicht willst, dass dein ver­stei­ner­ter Kopf neben dei­nem eben­so ver­stei­ner­ten Tor­so lie­gen wird, dann schweigst du jetzt. Wo war ich ste­hen geblie­ben? Ach ja, bei mei­ner Bür­de. Mei­ne Töch­ter wur­den nur gebo­ren, um mir zu die­nen. Ihre lieb­li­chen Stim­men bewir­ken das, was mei­ne nicht kann. Sie zie­hen jeden in ihren Bann. Es ist das Schick­sal der See­leu­te, sie zu hören und ihnen zu lau­schen. Ich muss es dann nur noch voll­enden, um ihnen den Unter­gang zu brin­gen. Mei­ne Töch­ter haben Hun­der­te von Schif­fen in die Meer­enge von Ala­ra gelockt, um sie mir zum Geschenk zu machen. Doch du hast mir ein vier­tel Jahr­hun­dert lang die­ses Geschenk ver­wehrt. Dei­ne Toch­ter war aus­er­ko­ren, eine der schöns­ten Stim­men unter ihnen zu haben. Sie war aus­er­ko­ren, die bes­te aller mei­ner Töch­ter zu wer­den, doch du hast sie mir genom­men. Da sie guter Hoff­nung ist, war ihre wun­der­schö­ne Stim­me die reins­te Ver­schwen­dung. Sie wird nicht mehr lan­ge genug frei sein, um ihrer Auf­ga­be jemals zu erfül­len. Im Moment kann sie es nicht und nach der Geburt erst recht nicht mehr. Sie wäre bei mir glück­lich gewor­den und hät­te ihr Schick­sal zufrie­den ertragen.“

Glück­lich und zufrie­den?“ Atti­cus riss sei­nen Kopf in die Höhe und ver­such­te ihr in die Augen zu sehen, doch Sami­ra­mis Män­ner drück­ten ihn gewalt­sam in sei­ne vor­he­ri­ge Posi­ti­on. „Bist du von Sinnen?“

Was erdreis­test du dich? Sag­te ich dir nicht gera­de eben erst, du sollst still­schwei­gen?“, wie­der ergriff sie sei­ne Haa­re und wie­der zog sie sei­nen Kopf in ihre Rich­tung. „Ich glau­be fast, du legst es nur dar­auf an, dass ich den Befehl gebe, dich zu töten, damit dir das Schick­sal dei­ner Gelieb­ten erspart bleibt.“

Sie hat­te einen Namen.“

Einen Namen, den ich lie­bend ger­ne ver­ges­sen wür­de. Sie war die größ­te Ent­täu­schung mei­nes Lebens. In all den Jah­ren, die sie mir die­nen soll­te, hat sie weni­ger als ein Dut­zend Mal ihre Stim­me erklin­gen las­sen und beim letz­ten Mal hat sie dich auch noch vor mir geret­tet. Du hät­test einen so statt­li­chen Krie­ger mei­ner Armee abge­ge­ben. Und es wäre mir eine Freu­de gewe­sen, dich in mein Bett zu holen.“

Du schläfst mit ihnen? Das ist widerlich!“

Ist es nicht!“

Sie sind leben­de Tote! Das ist unnatürlich!“

Was unna­tür­lich ist, bestim­me ich. Sie sind die Ein­zi­gen, die ich in mei­ner Nähe ertra­gen kann. Ihr Herz wird nicht mit über­flüs­si­gen Gefüh­len geflu­tet, die mich dabei nur ablen­ken wür­den. Außer­dem sind sie mir nur so lan­ge gefäl­lig, wie sie noch eini­ger­ma­ßen mensch­lich sind. Aber, war­um erzäh­le ich dir das über­haupt? Ich habe kei­ner­lei Grund mich vor dir recht­fer­ti­gen zu müs­sen.“ Sie hielt einen Moment inne. „Du hast mich in mei­ner Rede unter­bro­chen, noch ein Grund, aus dem du büßen wirst. Wo war ich noch gleich ste­hen geblie­ben? Ach ja, bei dei­ner lieb­rei­zen­den Gelieb­ten, die dich mir weg­nahm. Sie woll­te nicht, dass ich ihr einen Gefähr­ten suche, nein, sie woll­te gar kei­nen. Dann ihr Ent­schluss, nie­mals bei einem Mann zu lie­gen, um ein Kind zu emp­fan­gen. Zu mei­nem Glück kamst dann aber du und ich sah mei­ne Chan­ce gekom­men, denn ich wuss­te, dass sie dich woll­te. Ich dach­te mir, gut, wenn ich ihn nicht haben kann, dann soll sie ihn bekom­men, damit er letzt­end­lich doch wie­der mir gehört. Viel­leicht war es so sogar noch bes­ser, denn jetzt wirst du mir auf ewig gehö­ren. Und wie­der ein­mal nahm das Schick­sal sei­nen Lauf. Doch noch immer ver­such­te sie, es mit allen Mit­teln zu ver­hin­dern. Es freut mich nur, dass ihr ach so gut durch­dach­ter Plan geschei­tert ist, denn sie konn­te weder dich noch ihre Toch­ter ret­ten. Ihr Schick­sal wird es sein, mit­zu­er­le­ben, was mit Euch bei­den geschieht und ich ver­si­che­re dir, dass noch kei­ner vor Euch so gelit­ten hat.“

Lass Saphi­ra aus dem Spiel, sie trägt die gerings­te Schuld an unse­rem Vergehen.“

Ich weiß! Aber, da sie voll­kom­men ahnungs­los ist, wird sie ihre Vor­be­stim­mung nicht so ein­fach ertra­gen kön­nen, wie alle ande­ren vor ihr. Sie wird sich noch mehr sträu­ben, als ihre Mut­ter. Doch ihr Ende ist bereits besie­gelt und ich bin mir sicher, dass Ihr Bei­de, du und Sil­va­na es sehen wer­det. Es wird Euch inner­lich zer­stö­ren, auf­zeh­ren und zer­fres­sen, wie Maden einen Kada­ver. Eure Trau­er und Euer Elend aber wer­den dafür sor­gen, dass ich zu neu­er Jugend erblü­he.“ Wie­der ließ sie sei­nen Kopf los und wie­der drück­ten ihre Scher­gen ihn auf den Boden. „Armer Atti­cus, ich kann schon jetzt dei­ne Ver­zweif­lung spü­ren, obwohl du dir so gro­ße Mühe gibst, sie vor mir zu ver­ber­gen. Siehst du den Boden unter dir und all die­se wun­der­schö­nen Wän­de. Sie erstrah­len in dem wei­ßes­ten Weiß. All die­se Schön­heit konn­te nur geschaf­fen wer­den durch mei­ne treu­en Nach­kom­men. Weißt du, wor­aus mein Palast geschaf­fen wur­de? Es sind die zer­mah­le­nen Kno­chen all derer, die durch mich ihren Tod auf die­ser Insel hier fan­den. Doch in den letz­ten Jah­ren waren es nur eine Hand­voll, von einem Schiff, das sich zufäl­lig in die Meer­enge ver­irrt hat und ihre Kno­chen waren für die Fer­tig­stel­lung mei­nes Palas­tes nicht geeig­net. Sie taug­ten nur als Krie­ger mei­ner Armee. Doch all jene, die durch den Gesang mei­ner Töch­ter auf die­se Insel kamen, sind wun­der­vol­les Bau­ma­te­ri­al. Ihr Fleisch ver­west in der glei­ßen­den Glut der Son­ne. Ich las­se sie dort lie­gen bis nur noch ihre wei­ßen Gebei­ne übrig sind. Doch in ihren Gebei­nen steckt nach wie vor ihre See­le. Durch den Gesang mei­ner Töch­ter wird sie in ihren Kno­chen gehal­ten. Wie ihre Kör­per gera­ten auch ihre See­len in einen Bann, dem sie nicht ent­kom­men kön­nen. Sie ver­fau­len, doch sie kön­nen ihren ver­rot­ten­den Kör­pern nicht ent­kom­men. Ich höre sie um Gna­de fle­hen, doch ich stel­le mich taub. Sie erlei­den unend­li­che Qua­len, doch genau die­se brau­che ich zum Über­le­ben. Wenn ihre Kno­chen ihre vol­le Rein­heit erlangt haben, dann las­se ich sie zer­mah­len und sie wer­den zu einem Bestand­teil mei­nes Palas­tes. Siehst du die leuch­ten­den Punk­te auf dem Boden? Sicher siehst du sie, du musst sie ja anstar­ren.“ Sami­ra­mis brach in schal­len­des Geläch­ter aus. „Die­se Punk­te sind ihre See­len. Wenn ich sie in Frie­den las­se, dann leuch­ten sie blau. Das bedeu­tet, dass sie momen­tan nichts füh­len, außer viel­leicht der irri­gen Hoff­nung, mir doch irgend­wann ent­kom­men zu kön­nen, doch wenn ich sie berüh­re und sei es nur durch mei­ne Schrit­te, dann erstrah­len sie in ihrem roten Licht. Ihre Gefüh­le bre­chen aus ihnen her­aus, wie Vul­kan­asche aus einem Kra­ter. Ihnen wird bewusst, dass ihre Hoff­nung voll­kom­men unbe­grün­det ist, dass sie auf ewig gefan­gen sind und mir allein gehö­ren. Sie win­den sich gera­de­zu in ihren Käfig, der vor­mals ihre sterb­li­che Hül­le war. Sie schrei­en und krei­schen. Sie fle­hen mich an, doch all ihre Bemü­hun­gen sind ver­ge­bens. Die­ser Palast ist ein Teil von mir und damit sind auch sie ein Teil von mir. Ich brau­che sie, wie die Nor­mal­sterb­li­chen die Luft zum Atmen. Sie sind mei­ne Nah­rung und du hast mich dazu gezwun­gen, ein vier­tel Jahr­hun­dert lang zu hun­gern. Wie wür­dest du dich füh­len, ergin­ge es dir ähn­lich? Wie lan­ge könn­test du wohl ohne Nah­rung exis­tie­ren? Ein vier­tel Jahr­hun­dert wäre für dich zu lang. Aber wie wäre es mit ein paar Tagen oder Wochen, damit du dir der Grau­sam­keit dei­ner Tat bewusst wirst?“

Wel­che Grau­sam­keit? Grau­sam bist doch nur du!“

Ich und grausam?“

Wie wür­dest du es denn sonst nen­nen? Du labst dich an dem Elend all derer, die du in dei­ne Fal­le lockst. Du ver­schaffst dir ein ewi­ges Leben, in dem du dei­ne Töch­ter lei­den lässt. Ist das kei­ne Grau­sam­keit?“ Wie­der zog sie ihn an den Haa­ren hoch, doch die­ses Mal, ver­setz­te sie ihm eine schal­len­de Ohrfeige.

Genug ist genug! Auch mei­ne Geduld hat ein Ende. Ich wer­de dich noch leh­ren, was es heißt, grau­sam zu sein, denn du wirst es noch früh genug zu spü­ren bekom­men. Weißt du, was eigent­lich das Bes­te an der Sache ist, die Sil­va­na und du aus­ge­heckt haben? All mei­ne ande­ren Töch­ter haben sich mit ihrer Lage abge­fun­den. Sie erdul­den still­schwei­gend ihr Schick­sal. Doch nicht so Sil­va­na. Sie fügt sich nicht in ihr Schick­sal. Sie wehrt sich noch immer dage­gen. Sie lei­det töd­li­che Qua­len, doch der Tod wird sie nie­mals fin­den, denn sie gehört mir. Allei­ne ihre Wei­ge­rung ihr Los zu ertra­gen, hat mir die Kraft gege­ben, die letz­ten Jah­re zu über­ste­hen. Sie hat mir die Nah­rung gege­ben, die ihr mir eigent­lich ver­wei­gern woll­tet. So hat sie allein mein Über­le­ben gesi­chert und dafür gesorgt, dass ihr eige­ner Plan fehl­ge­schla­gen ist. Ihr bei­de wer­det mir auch die Zeit über­brü­cken, die Saphi­ra benö­tigt, um ihr Kind aus­zu­tra­gen. Dann wer­det ihr Drei dafür Sor­ge tra­gen, dass ich auch die Zeit über­ste­he, die Saphi­ras Toch­ter benö­tigt, um zu einer Frau her­an­zu­rei­fen. Und schließ­lich wird sie ihre Auf­ga­be zu erfül­len wis­sen. Viel­leicht ist mir sogar das Glück so gewo­gen, dass ich den Vater der Klei­nen eben­falls in mei­ne Hän­de bekom­me, damit ich mei­ne Samm­lung ver­voll­stän­di­gen kann“, sie brach in schal­len­des Geläch­ter aus. „Aber, mein lie­ber Atti­cus, wie schon gesagt, das alles wirst du ja mit dei­nen eige­nen Augen sehen und bald am eige­nen Leib spü­ren. Schafft ihn in die gro­ße Halle!“