Blick ins Buch (Die Herrin der Seelen)

Prolog

Sie lag auf einem mit Fellen bedeck­ten Him­mel­bett. Die ersten Strahlen der Sonne drangen durch die dun­klen Vorhänge und ver­sucht­en alles in ihr gold­enes Licht zu tauchen, doch sie bemerk­te es nicht ein­mal. Sie stöh­nte, dann schrie sie laut auf. Die Alte, die neben ihr hock­te und ihre vom Schweiß und Fieber glühende Stirn mit kalten, feucht­en Tüch­ern kühlte, seufzte leise. „Es ist gut! Nicht mehr lange und Ihr habt es über­standen”, flüsterte sie ihr leise ins Ohr. Erneut schrie sie, während eine Woge des Schmerzes ihren Kör­p­er schüt­telte. „Ich has­se ihn! Ich has­se sie alle! Sie wer­den büßen, das schwöre ich, bei allem, was mir heilig ist.“ „Ihr dürft nicht so viel sprechen! Spart Euch Eure Kraft, für das, was noch kommt.“ Die Alte sah sie nach­den­klich an. „Beim ersten Mal ver­flucht man immer Gott und die Welt. Ihr seid da keine Aus­nahme, aber mit der Zeit wird es bess­er. Je öfter Ihr ein Kind bekommt, desto leichter fällt es Euch.“ Sie bäumte sich auf, als eine weit­ere Welle sie erfasste und griff nach der Gurgel der Alten. „Für mich wird es nie ein­fach­er wer­den! Ich bin nicht wie alle anderen. Ich werde kein weit­eres Kind bekom­men! Das weißt du so gut wie ich. Wofür habe ich dich rufen lassen, wenn du nicht bere­it bist, mir zu helfen?“, sie schrie ihre Gegenüber ger­adezu an, während sie fes­ter zudrückte.

„Ich kann Euch noch nicht helfen!“, brachte die Alte mühevoll her­vor. „Die Geburt ist noch nicht weit genug vor­angeschrit­ten!“ „Dann schnei­de es mir aus dem Leib. Ich will es nicht! Vielle­icht kön­nen wir so …“ „Aber …!“ „Nichts aber! Ich war nie der Typ, der anstand­s­los nur erduldet und sich schweigend fügt. Das weißt du so gut wie ich. Erst zwingt sie mich zu Din­gen, die ich abgrundtief has­se, dann ver­flucht sie mich, weil ich dieses ver­dammte Schick­sal ein­fach nicht akzep­tieren wollte und kon­nte. Doch dann, …, Mer­ana”, sie wim­merte leise, als eine weit­ere Wehe ihren Kör­p­er erfasste. „Ich kon­nte ihn nicht …“, brachte sie unter Schluchzen her­vor. „Ich kon­nte nicht tun, was sie von mir ver­langt hat. Ich kon­nte es nicht. Er … Als sie das mit uns erfahren hat, hat­te sie nichts Besseres zu tun, als ihn dazu zu brin­gen, mich zu nehmen. Glaub­st du, mir liegt etwas an dem da?“, sie deutete auf ihren Bauch. „Es ist von unserem Blut! Es wird genau so ein Mon­ster wie wir! … Sie wird schon dafür sor­gen”, fügte sie leise hinzu. „So dürft Ihr nicht reden! Was kann das arme Würm­chen dafür?“ „Was es dafürkann?“, wieder schrie sie. „Es wird mich umbrin­gen!“ „Es wird Euch nicht umbrin­gen“, sie nick­te schweigend. „Ich weiß! Aber, was mir bevorste­ht, ist schlim­mer als der Tod. Es wäre mir lieber gewe­sen, er hätte mir den Gefall­en getan, mich zu töten. Aber er kon­nte es nicht, weil sie ihn von mir fer­nge­hal­ten hat. Ich weiß nicht, was sie ihm gesagt hat, aber, …, Mer­ana, als ich merk­te, dass ich schwanger bin, habe ich ihn förm­lich ange­fle­ht, es zu tun, bevor es zu spät ist, doch …“, sie schluchzte leise. „Sie will und wollte immer, dass es mein Schick­sal beschließt und nun hat sie es geschafft. Es wird mich has­sen. Er wird mich has­sen. Sie hat mich immer gehas­st!“ „Er has­st Euch nicht, ganz im Gegen­teil. Er liebt Euch!“ „Welche Art von Liebe soll das sein?“ Sie brach in Trä­nen aus. Als die näch­ste Wehe ihren Kör­p­er erfasste, schluchzte sie noch lauter. „Mer­ana ich ver­steh es nicht! Warum hat er mir das ange­tan?“ „Kind beruhigt Euch! Er hat es nicht gewollt! Genau­so wenig wie Ihr selb­st, aber er hat­te nicht die Wahl.“ „Man hat immer eine Wahl!“, gab sie zurück. „Man, vielle­icht, aber nicht Ihr bei­de!“ „Wird sie”, sie deutete auf ihren geschwol­lenen Leib, „genau so sein wie wir?“ Die Alte zuck­te mit den Achseln. „Keine Ahnung!“ „Du darf­st nicht zulassen, dass sie auch ihr Leben zer­stört! Töte uns!“ „Ach, Kind …“ „Du hast gese­hen, was sie uns ange­tan hat. Du musstest miter­leben, was aus uns gewor­den ist. Ich will ihr”, wieder deutete sie auf ihren Bauch, „dieses Schick­sal ers­paren. Du weißt, was mit mir geschieht, wenn das Kind auf der Welt ist. Lass nicht zu, dass sie …“, wieder traf sie eine Wehe wie ein Faustschlag in den Unter­leib und sie schrie erneut. „Was auch geschieht, nimm das Kind und ver­stecke es. Bring es fort von hier! Hörst du? Sie darf es nicht in die Fin­ger bekom­men. Sie hat mir das alles nur ange­tan, weil ich eine solche Ent­täuschung für sie war. Mer­ana, die Dinge wer­den sich wieder­holen. Sie wird nicht eher ruhen, bis sie bekommt, was sie will.“ „Wie wollt Ihr ihr erk­lären, dass das Kind weg ist?“ „Ich werde gar nichts erk­lären. Ich werde es nicht mehr kön­nen”, fügte sie schreiend hinzu. „Geh ihn holen, er soll mit anse­hen, was er mir ange­tan hat und dann mit dieser Schuld leben. Er ist doch in der Nähe?“ Die Alte nick­te. „Gut! Dann geh! Er soll miter­leben, was geschieht, denn auch ihn wird irgend­wann das gle­iche Schick­sal ereilen. Sie wird nicht zulassen, dass sie …”, wieder deutete sie auf ihren Bauch, „bei ihm aufwächst, deshalb wird sie auch ihn …“ „Kind …“ Es wird genau­so enden, wie bei allen anderen. Geh ihn holen, son­st ist es zu spät.“ „Ich weiß nicht, ob er …“ „Er wird kom­men, glaub mir!“, unter­brach sie die Alte. „Sie wird sich an seinem Unglück wei­den wollen und dann wird sie mit ihm das machen, was sie auch mit all den anderen gemacht hat. Sie liebt es, ihren Tri­umph auszukosten.“ Die Alte erhob sich zögernd, blick­te noch ein­mal auf sie herunter und ver­schwand dann aus ihrem Blick­feld. Die Wehen kamen in immer kürz­eren Abstän­den, was nur bedeuten kon­nte, dass die Geburt kurz bevor­stand. Wieder schluchzte sie leise. Sie hat­te ihn geliebt, obwohl es eigentlich unmöglich war. Schon als sie ihn das erste mal gese­hen hat­te. Es war ein­fach geschehen, ohne dass sie es gewollt hätte. Er hat­te gewusst, was sie war und warum sie niemals beieinan­der­liegen kon­nten. Er hat­te es akzep­tiert und sie in Frieden gelassen, solange bis … Ihre Mut­ter! Ihre ver­fluchte Mut­ter hat­te ihn mit ein­er List dazu gebracht, ihr die Unschuld zu rauben und somit ihren und seinen Unter­gang besiegelt. Schon richtig, es gehören immer zwei dazu, aber ihre Mut­ter war so weit gegan­gen, ihm einen Trank zu verabre­ichen, damit diese eine Nacht auch Fol­gen hat­te. Sie hätte nie für möglich gehal­ten, dass ihre Mut­ter bere­it wäre, sie der­maßen zu hin­terge­hen. Aber sie hat­te es getan und das nur, weil sie ihn vor ihr beschützt hat­te. Im Grunde genom­men bereute sie nicht, was geschehen war. Alles was sie tat, geschah aus Liebe. Auch ihm kon­nte sie keinen Vor­wurf machen. Auch er tat es nur aus Liebe. Sie bei­de waren in die Falle getappt und das Schlimm­ste daran war, dass sie diese Falle auch noch genossen hat­ten. Sie hat­te seit ihren Kinderta­gen gewusst, was mit ihr geschehen würde, wenn sie schwanger würde und das Kind auch aus­trug. Aber den­noch hat­te sie sich ihm bere­itwillig hingegeben, in der Hoff­nung, dass es nicht so weit kom­men würde. Sie has­ste das Kind nicht. Sie liebte es schon jet­zt abgöt­tisch. Immer­hin war es ein Teil von ihr und ihm. Aber der Gedanke, dass ihre Mut­ter es in die Fin­ger bekäme, war ihr ein­fach unerträglich. Sie musste es ein­fach in Sicher­heit brin­gen und er war ihre einzige Hoff­nung. Jet­zt, wenn er mit eige­nen Augen sehen würde, was ihr wider­führe, dann würde er sie ver­ste­hen, aber jet­zt war es zu spät. Zu spät für sie selb­st und für sie bei­de, aber nicht zu spät für das Kind. „Atti­cus!“, sie flüsterte leise seinen Namen. „Wieso? Wieso nur?“

Durch die Tür ihres Gefäng­niss­es, denn nichts anderes war ihr kom­fort­a­bles Gemach, trat ein wahrer Hüne. Seine hell­blonden Haare fie­len ihm bis auf seine muskulösen Schul­tern. Seine Waf­fen klir­rten leise, als er sich ihrem Bett nun näherte. Große blaue Augen sahen sie gequält an. „Sil­vana, das wollte ich nicht. Du musst mir glauben. Ich …“ „Was hat sie dir erzählt? Dass wir von nun an bis in alle Ewigkeit­en glück­lich miteinan­der sein kön­nen? Sie hat dich getäuscht! Sie ist …“ Sil­vana schrie erneut, doch dies­mal war die Wehe anders als vorher. Die Alte, die eben­falls das Zim­mer betreten hat­te, drängte sich an ihm vor­bei. „Sie hat es gle­ich geschafft! Geht zur Seite! Ich muss meine Arbeit machen!“ „Nein!“, kreis­chte Sil­vana. „Er soll bleiben, wo er ist. Er soll mit anse­hen, …“ Atti­cus griff betrof­fen nach ihrer Hand und drück­te sie. Mit der anderen schob er eine ihrer lan­gen Haarsträh­nen aus ihrem Gesicht. „Sil­vana, ich liebe dich! Ich …“ In diesem Moment beugte sich die Alte über ihren Unter­leib. „Das Kind kommt! Ich kann es schon sehen!“ „Nein!“, Sil­vanas Stimme über­schlug sich. „Atti­cus, bitte! Ich fle­he dich an, töte mich, bevor es zu spät ist. Ers­pare mir mein Schick­sal! Du kannst nicht wollen, dass …“ Weit­er kam sie nicht. Die Alte zog bere­its das Kind aus ihrem Leib. Als der erste Schrei ertönte, flüsterte sie noch leise, „Nimm das Kind und bring es an einen sicheren ort! Ver­sprich es mir!“, dann ver­wan­delte sie sich vor seinen Augen zu Stein. Atti­cus star­rte von sein­er Geliebten auf das Kind in den Armen der Alte.

„Es ist ein Mäd­chen! Ihr habt eine wun­der­schöne Tochter!“ Doch Atti­cus hörte der Alten nicht mehr zu. „Sil­vana? Nein!“, er schrie die Worte in sein­er Verzwei­flung, während sich seine Augen mit Trä­nen füll­ten. „Was habe ich dir nur ange­tan?“ Er schluchzte leise, während er seine Arme um den kalten Mar­morkör­p­er schlang und seinen Kopf auf ihrer Brust bet­tete. „Sie hat mir ver­sprochen, dass sie den Fluch zurück­n­immt. Sie hat es ver­sprochen! Sie sagte, wir wären auf ewig vere­int. Sie …“ „Sie kann den Fluch nicht zurück­nehmen.“ Atti­cus star­rte die Alte ver­wirrt an. „Was sagst du da?“ „Ich sagte, sie kann den Fluch nicht zurück­nehmen. Solange sie existiert, wer­den all ihre Nachkom­men, das gle­iche Schick­sal ereilen.“ „Dann werde ich sie töten!“ Er sprang auf, doch die Alte hielt ihn zurück. „Das kön­nt Ihr nicht! Kein Mann kann sie töten. Nur eine ihrer Nachkom­men kann das und damit den Fluch aufheben. Habt ihr die Stat­uen in der großen Halle gese­hen? Sich­er habt ihr das. Wer kön­nte sie nicht sehen? Atti­cus, ich muss Euch jet­zt etwas anver­trauen, was meinen Tod bedeuten würde, wenn sie je erführe, dass ich es Euch gesagt habe. Aber ich kann nicht mehr. Ich halte das alles nicht länger aus. Zu viele Gen­er­a­tio­nen mussten lei­den.“ Jet­zt war es die Alte, die leise schluchzte. „All diese Stat­uen waren Men­schen. Um genauer zu sein. Die Weib­lichen waren ihre Tochter und die Tochter ihrer Tochter und die Tochter ihrer Tochter ihrer Tochter … Das geht schon seit Äonen so. Solange ihre Nachkom­men Töchter gebären, wird es auch ewig fort­dauern. Sil­vana wollte den Kreis­lauf durch­brechen, in dem sie geschworen hat, niemals ein Kind zu emp­fan­gen. Aber Ihr seht ja selb­st, was es ihr gebracht hat. Sie ist nur zu ein­er weit­eren Stat­ue in der Samm­lung ihrer Ahnin gewor­den. Auch Ihr werdet ihr Schick­sal teilen, wenn Ihr nicht das tut, was Sil­vana von Euch ver­langt hat. Die männlichen Stat­uen waren näm­lich alle­samt die Geliebten ihrer Töchter. Das Grausam­ste an der Sache ist jedoch, dass obwohl aus Stein, ihre Herzen weit­er schla­gen. Sie leben alle­samt in dieser stein­er­nen Hülle. Sie ste­hen sich gegenüber, kön­nen sich sehen und fühlen den Schmerz, den es bedeutet, so nah beieinan­der und doch auf ewig getren­nt zu sein. Sie sehen ihre Töchter aufwach­sen und erleben, wie sie das­selbe Schick­sal ereilt. Deshalb wollte Sil­vana, dass Ihr sie tötet.“ „Aber sie hat­te mir ver­sprochen, dass Sil­vana …“, seine Stimme brach.

„Ihr seid nicht der Erste, der ihr geglaubt hat. Wollt auch Ihr Eur­er Geliebten gegenüber­ste­hen und sehen, wie sie Euer Kind zer­stört, ohne die ger­ing­ste Möglichkeit, es zu ver­hin­dern? Wollt auch Ihr ewig lei­den?“ „Aber, wie soll man den Fluch aufheben? Wie den Kreis­lauf brechen, wenn man sie nicht töten kann? Das Schick­sal ste­ht doch fest. Es ist unabän­der­lich.“ „So würde ich das nicht sehen. Es gibt immer eine Möglichkeit sein Schick­sal zu ändern. Es ist nicht leicht, aber es ist möglich.“ „Wie?“ „Es gibt eine Prophezeiung.“ „Eine Prophezeiung?“ „Ein Orakel hat vor unendlich langer Zeit ihren Unter­gang prophezeit. Sil­vana dachte, dass sie diejenige wäre, die es schaf­fen kön­nte, den Kreis­lauf zu durch­brechen, aber die List ihrer Mut­ter hat ihrer Hoff­nung ein jäh­es Ende geset­zt. Ich wusste von Anfang an, dass sie nicht diejenige sein kon­nte, von der in der Prophezeiung die Rede ist. Aber ich denke, Eure Tochter kön­nte es sein.“ „Wie kommst du darauf?“ „Hört mich an und merkt Euch die Verse, es kön­nte für Euch und Eure Tochter lebenswichtig wer­den. Die Prophezeiung lautet:

Mit List gezeugt, aus Leid geboren, wird sie zu Höherem erko­ren. Aus Sehn­sucht entsprun­gen, durch Hoff­nung gefeit, ahnungs­los zur Liebe bere­it. Aus dem Meer wird er kom­men, wie vorherbes­timmt. Der Kreis­lauf endet mit einem Kind. Doch der Treue ergeben, wird sie weit­er leben. Sein Tod wird besiegeln, wie sehr sie sich lieben. Um den Schmerz zu been­den, muss das Schick­sal sie wen­den. Das Lied muss erschallen, ihr Gesang wird erklin­gen, die Mauern fall­en und die Felsen zer­sprin­gen. Was ver­dammt, wird erlöst und ewig beste­hen, der Fluch wird gebrochen und die Macht unterge­hen.