2. Blick ins Buch (Die Tochter des Drachen)

In die­sem Moment hör­te sie ein Geräusch, das aus der Ecke der Nische kam, wo sie den Gefan­ge­nen in der Nacht zurück­ge­las­sen hat­te. Ihr Blick wan­der­te in die­se Rich­tung und tat­säch­lich, Raoul lag noch genau­so da, wie in der Nacht zuvor. Das war noch Merk­wür­di­ger. Nicht, dass er noch immer hier lag, son­dern, dass ihre Beglei­ter sie mit ihm allei­ne lie­ßen. Egal, was mach­te sie sich über­haupt Gedan­ken dar­über? Die Män­ner wuss­ten mit Sicher­heit, was sie taten und was rich­tig war. Und außer­dem, in sei­nem Zustand war Raoul mit Sicher­heit nicht in der Lage, ihr etwas anzu­tun und tief in ihrem Innern war sie sich zudem sicher, dass er es auch gar nicht vor­hat­te. Es war auch nicht wei­ter tra­gisch, dass die Män­ner ver­schwun­den waren, auf ihren Anblick konn­te sie gut und ger­ne noch eine gan­ze Wei­le ver­zich­ten. Sie atme­te hör­bar auf. Wie auf Kom­man­do folg­te ihrem Seuf­zer ein Echo, das von dem Gefan­ge­nen kam. Sie ließ vor Schreck die Kel­le fal­len und starr­te, wie ange­wur­zelt in die Ecke. Was soll­te sie jetzt tun? Soll­te sie Angst haben? Viel­leicht war er ja doch nicht so schwach und hilf­los, wie sie ange­nom­men hat­te, und, nach all dem, was ges­tern vor­ge­fal­len war, wäre es nur ver­ständ­lich, wenn er ver­su­chen wür­de, sich an ihr zu rächen. Sie ver­dräng­te den Gedan­ken jedoch sofort wie­der, denn, wie­so soll­te er? Sie war doch schließ­lich die­je­ni­ge gewe­sen, die, die gan­ze Zeit über, ver­sucht hat­te, ihm zu hel­fen und wenn er kein voll­stän­di­ger Idi­ot war, dann hat­te er das auch gemerkt. Aber, hat­te Archi­bald nicht auch erwähnt, dass er nicht nur ihr Ent­füh­rer war, son­dern auch ver­sucht hat­te, ihre Mut­ter zu töten? Blöd­sinn! Raoul ein Mör­der! Nie­mals! Er moch­te alles Mög­li­che sein, aber nie­mals ein Mör­der. Ein Mör­der konn­te auf kei­nen Fall sol­che Augen haben. Das war unmög­lich! Ein lei­ses Stöh­nen riss sie aus ihren Gedan­ken. Sie zöger­te, hielt inne, trat einen Schritt nach vor­ne, zöger­te erneut und bemerk­te schließ­lich, dass sie vor Raoul stand. Sein Atem ging unre­gel­mä­ßig und sei­ne Haut, die so weiß war, als wäre sein Gesicht aus Mar­mor gemei­ßelt, glänz­te von den dicken Schweiß­per­len, die ihm über die Stirn lie­fen, wäh­rend er, mit gla­si­gen Augen, auf das Feu­er starr­te. Fie­ber!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie knie­te sich neben ihn und berühr­te zag­haft sei­ne Stirn. Er stöhn­te auf und ver­such­te sich von ihr abzu­wen­den. Mein Gott! Er glüh­te ja geradezu.

Raoul? Raoul, könnt Ihr mich hören?“ Anstatt zu ant­wor­ten, dreh­te er sei­nen Kopf noch mehr auf die Sei­te und stöhn­te erneut. „Raoul! Ich bin es, Rila­na. Erin­nert Ihr Euch an mich?“ Er zeig­te kei­ner­lei Reak­ti­on. „Raoul, was ist nur los? Ihr seid doch wach. Könnt Ihr über­haupt ver­ste­hen, was ich sage?“

Ich wuss­te, dass Ihr zurück­kom­men wür­det. Ich wuss­te es! Wenn Ihr nur gekom­men seid, um mich zu holen, dann muss ich Euch ent­täu­schen. Dies ist nicht der rich­ti­ge Zeit­punkt.“ Sei­ne Stim­me war so lei­se, dass sie sich über ihn beu­gen muss­te, um ihn über­haupt zu verstehen.

Habt Ihr Durst? Ich hole Euch etwas. Ihr müsst trin­ken, damit Euer Fie­ber sinkt. Und ich hole auch etwas, um Eure Stirn zu küh­len.“ Sie woll­te auf­sprin­gen, doch er hielt sie zurück.

Nein, geht nicht!“ Er hat­te sei­nen Kopf zurück in ihre Rich­tung gedreht und such­te nun mit sei­nen Augen die ihren.

Ich bin gleich zurück. Ich ver­spre­che es!“

Dann geht! Aber ich wer­de Euch nicht fol­gen. Auf gar kei­nen Fall!“

Was ist nur los mit Euch? Ant­wor­tet mir, bit­te!“ Rila­na wur­de lang­sam nervös.

Ver­schwin­det, habe ich euch gesagt. So ein­fach wer­de ich es Euch nicht machen. Ihr meint, Ihr braucht nur mit Eurem Engel­s­ant­litz auf­zu­tau­chen und ich fol­ge Euch. Aber mit mir wer­det Ihr kein leich­tes Spiel haben. Den Gefal­len tue ich Euch nicht. Nicht hier und nicht jetzt. Ich bin noch nicht bereit!“

Bereit, wozu?“ Rila­na starr­te ihn völ­lig ver­wirrt an. „So ant­wor­tet mir doch! Was habe ich Euch getan? War­um wollt Ihr, dass ich gehe und wohin wollt Ihr mir nicht fol­gen? Sagt es mir.“ Sie streck­te erneut ihre Hand nach ihm aus.

Nein, nicht!“ Sei­ne Augen wei­te­ten sich ängst­lich. „Nicht, bit­te! Tut das nicht! Ich will das nicht! Ich kann das nicht! Nicht noch ein­mal berüh­ren, bitte!“

Raoul, ich will Euch doch nicht weh­tun. Ich will Euch doch nur helfen!“

Ihr …Ihr dürft mich nicht noch ein­mal berüh­ren!“ Er schluck­te. „Sagt, wird es schnell gehen? Wenn ja, dann tut es sofort.“ Was soll­te schnell gehen?

Raoul, ich ver­ste­he Euch nicht.“

Nein, halt, war­tet noch einen Augen­blick. Ich will Euch noch eine Wei­le anschau­en und dann sagt mir, ob ich Euch dort wie­der sehen wer­de? Sagt es! Ich muss es wis­sen! Ich … sagt es und ich fol­ge Euch, wo und wann immer Ihr es von mir ver­langt!“ All­mäh­lich keim­te in Rila­na der Ver­dacht auf, dass Raoul sie gar nicht rich­tig wahr­nahm. Aber, wen oder was sah er dann in ihr? Mit wem, zum Teu­fel, rede­te er? Oder hielt er sie für jeman­den anderen?

Raoul!“

Ich habe Euch schon ein­mal gese­hen!“, fing er erneut an. Ah, dach­te sie, ich habe mich geirrt, er hat mich doch erkannt. „Aber da wur­det Ihr gestört“, fuhr er fort. „Ihr konn­tet es nicht zu Ende brin­gen, obwohl ich bereit dazu gewe­sen wäre. Es war das Lachen eines Man­nes, das Euch fort­trieb. Er hat Euch erschreckt. Ich dach­te immer, Ihr kennt kei­ne Furcht, doch ich habe mich geirrt. Das ist ein mensch­li­cher Zug, den ich an Euch nie­mals ver­mu­tet hät­te. Aber heu­te sind wir allein. Heu­te stört Euch nie­mand. Hier gibt es nur Euch und mich. Also brin­gen wir es hin­ter uns, sonst über­le­ge ich es mir viel­leicht doch noch ein­mal und dann wer­de ich es Euch bestimmt nicht mehr so ein­fach machen. Wenn Ihr es tun wollt, dann tut es jetzt. Bit­te! Und tut es vor allen Din­gen schnell!“ Er wirk­te, wie ein klei­nes Kind. Zag­haft berühr­te sie mir ihrer Hand sei­ne Wan­ge. Er stieß einen tie­fen Seuf­zer aus und schloss die Augen. Mein Gott, was soll­te sie bloß tun? Er war so hilf­los. Sie war so hilf­los. Instink­tiv beug­te sie sich tie­fer über ihn und küss­te ihn. Wie­der seufz­te er, wäh­rend er sich eng an sie schmieg­te und ihren Kuss erwi­der­te. Nach einer schier end­los erschei­nen­den Zeit, lös­te sie sich von ihm. Schließ­lich nahm sie sei­nen Kopf in ihre Hän­de, bet­te­te ihn auf ihren Schoß und streif­te ihm die nas­sen Haa­re aus der Stirn.

Ich hät­te nie gedacht, dass es so ein­fach ist, mit Euch zu gehen. Ist es immer so? So berau­schend? Es ist …Ihr seid so schön! Es war so …! Jetzt bin ich bereit, Euch zu fol­gen, wohin Ihr auch gehen mögt!“ Er öff­ne­te noch ein­mal sei­ne Augen, lächel­te sie unsi­cher an und ver­lor aber­mals das Bewusst­sein. Mit Erschre­cken stell­te sie fest, dass sei­ne Atmung immer unre­gel­mä­ßi­ger wur­de. Sie drück­te ihn noch enger an sich und blieb bei ihm sit­zen, unfä­hig sich von ihm abzu­wen­den. Sie lehn­te sich an ihn, in der Hoff­nung, er kön­ne so viel­leicht ihre Nähe spü­ren. Dabei rede­te sie lei­se auf ihn ein, wohl wis­send, dass er sie nicht hören konn­te. Den­noch hofft sie, dass sie ihn durch ihre Wor­te dazu brin­gen konn­te, die­se Welt nicht ohne sie zu ver­las­sen. Irgend­et­was ging von ihm aus, was sie gera­de­zu magisch in sei­nen Bann zog. So etwas hat­te sie bis dato noch nicht erlebt und vor allen Din­gen noch nie gefühlt. War es wirk­lich so, wie man­che Leu­te behaup­te­ten? Gab es so etwas, wie Anzie­hungs­kraft, oder Lie­be auf den ers­ten Blick? Lie­be? So ein Unsinn! Sie kann­te ihn doch kaum. Dach­te sie wirk­lich ernst­haft über Lie­be nach? Lie­be, das Wort, das so vie­le leicht­fer­tig in den Mund nah­men, ohne im Grun­de genom­men zu wis­sen, wovon sie eigent­lich spra­chen? Reden konn­te man viel, doch war man über­haupt fähig zu lie­ben, wenn man nur davon sprach? Was ist Lie­be? Ein Gefühl, das einen ver­ges­sen lässt, wer man ist und was man ist, beant­wor­te­te sie sich selbst die Fra­ge. Kann sie einen wirk­lich dazu brin­gen, alles zu opfern, ohne vor­her dar­über nach­zu­den­ken? Was war mit ihr? War sie bereit, alles für ihn zu opfern? Sogar ihr Leben? Ihre Gedan­ken schwirr­ten wild durch ihren Kopf, wäh­rend sich ihre Fin­ger in Raouls Haa­re krall­ten. Ein leich­tes Zit­tern fuhr durch ihren Kör­per. Mit einem tie­fen Seuf­zer küss­te sie ihn erneut auf den Mund. War sie gera­de dabei, sich in ihn zu ver­lie­ben, oder war es schon gesche­hen? War so die Lie­be? Ja, beant­wor­te­te sie ihre Fra­ge von vor­hin. Ich wür­de für dich ster­ben. Wenn ich könn­te, wür­de ich mit dir ohne zu zögern tau­schen, nur um dich zu retten!

Raoul!«, flüs­ter­te sie vor sich hin. „Was habt Ihr nur mit mir gemacht? Ich ver­ste­he mich selbst nicht mehr. Ich bin…!“ , Trä­nen lie­fen ihr über die Wan­gen. „Ihr dürft mich nicht ver­las­sen! Ihr müsst …! Ich …!“ In die­sem Augen­blick beweg­ten sich die Decken am Ein­gang der Nische.