Blick ins Buch (Die Tochter des Drachen)

Prolog

Heute bin ich ein alter Mann, dem man die Last seines, viel zu lang andauernden Lebens ansehen kann und der, so hoffe ich, bald seinem Schöpfer gegenübertreten wird. Deshalb schreibe ich diese Zeilen, als Warnung für alle, die mir nachfolgen werden. Ich habe lange geschwiegen, aber, es war auch, Gott Lob, nicht von Nöten, über all die Dinge zu sprechen, die mir seit Jahren durch den Kopf gehen. Ich bin immer der Meinung gewesen, dass das, was ich mit meinem Freund, Andreas, in meiner Jugend erlebt habe, nur uns etwas anginge, und ich wollte, genau, wie er, mein Geheimnis mit ins Grab nehmen. Doch nun ist mir klar geworden, dass die Geschehnisse, von denen ich nun zu berichten gedenke, viel zu wichtig sind, als dass sie in Vergessenheit geraten sollten. Es werden vielleicht Zeiten folgen, Gott gebe, dass es nicht so ist, in denen mein Wissen von Nutzen sein könnte. Ich hatte das unsagbare Glück, jemanden kennen zulernen, der mir in der schwersten Zeit meines Lebens beistehen konnte. Ich hoffe nur, dass, wenn es einmal so weit kommen sollte, auch meine Nachfahren jemanden finden, der ihnen in dieser schweren Zeit helfen kann. Andreas, ich habe die Hoffnung, dass wir uns bald wieder sehen, denn lange wird es nicht mehr dauern und ich folge dir dorthin, wo du jetzt bist. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden, so auch die meinen. Die Narben verblassen, aber sie verschwinden niemals vollkommen. Auch meine Narben sind verblasst, jedenfalls die Äußeren. Aber, die in meinem Innern ist, nach wie vor, trotz der endlosen Zeit, die seither vergangen ist, genauso schmerzhaft, wie zu Anfang. Ich möchte meinen geliebten Nachfahren dieses unsagbare Leid ersparen. Meine Kinder sollen diese Erfahrung nicht machen müssen. Es reicht, dass sie mich beherrschten. Deshalb bin ich auch, nach all den Jahren, endlich bereit, die Geschehnisse von damals zu Papier zu bringen.

Möge Gott geben, dass meine Zeit noch ausreicht, um sie vollständig auf diesen Seiten niederzuschreiben, damit die Nachwelt, bis in alle Ewigkeit, vor der Macht gewarnt ist, die uns einst Verderben brachte und derer wir so schwer habhaft wurden.

 1

Dunkelheit lag über den Bergen. Alles war in tiefes Schwarz getaucht. Selbst der Himmel, der sich in den Nächten durch seine Sternenvielfalt von der Schwärze abhob, war verhangen und lag, wie ein dunkles, schweres Tuch, über den Gipfeln des Gebirges.   Es war Frühling und normalerweise konnte man, selbst um diese Zeit, die Rufe der Eulen oder das Raunen der Baumkronen im Wind, hören. Doch nicht so heute. Es wehte kein Lüftchen und auch die Tiere hatten sich in ihren Höhlen verkrochen. Kein Wolf, kein Falke, nichts, aber auch gar nichts war zu erkennen. Es war totenstill. Die Welt hatte anscheinend beschlossen, in Bewegungslosigkeit und Stille zu verharren, so als warte sie auf etwas.

Langsam, ganz langsam kam er zu sich. Er lag flach auf dem nackten Felsen und fror. Es war ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit, denn es roch nach Schnee. Er spürte die scharfen Kanten des Gesteins, die ihm in die Wange schnitten, jeder Knochen seines Körpers schmerzte, dabei brannte seine rechte Seite, als hätte man ein Feuer darin entzündet. Vorsichtig öffnete er die Augen. Ein unerträglicher Schmerz durchzuckte ihn. Benommen ließ er die Lider wieder sinken. Sein Kopf dröhnte, während er mit geschlossenen Augen versuchte, sich zu bewegen. Er wollte sich auf den Rücken drehen, um zu verhindern, dass das schroffe Gestein weiterhin sein Gesicht zerschnitt, aber, etwas Schweres, Hartes lag auf seinem Rücken, über dem sich seine Haut zum Zerreißen spannte. Es musste sich um einen Holzbalken oder etwas Ähnliches handeln. Seine Hände waren mit Lederriemen daran befestigt und auch seine Füße hatte man zusammengebunden. In dieser Lage war er kaum fähig, seinen Kopf zu drehen, geschweige denn, seinen ganzen Körper. Er riss mit den Händen leicht an den Fesseln, doch bei jedem Versuch schnitten sie ihm nur noch tiefer ins Fleisch. Sinnlos dachte er. Erst jetzt bemerkte er etwas Warmes, Feuchtes, das ihm, von der Stirn, über seine Nase und Mund, das Kinn hinunterlief. Behutsam fuhr er mit der Zunge über seine Lippen. Sie waren kalt, obwohl die Flüssigkeit, auf ihnen, warm war. Blut! Schoss es ihm durch den Kopf. Sein Blut! Er stöhnte leise.

Leichter Schneefall setzte ein und er zitterte. Nun vollkommen wach öffnete er abermals seine Augen. Er wollte auf keinen Fall noch einmal einschlafen, deshalb zwang er sich, gegen die Schmerzen anzukämpfen und seine Augen offen zuhalten. Zunächst sah er verschwommen, dann allmählich konnte er seine Umgebung klarer erkennen. Ein Feuerschimmer erhellte, von irgendwoher, einen Teil seiner Umgebung und ließ dunkle Schatten, die wie gefräßige Dämonen wirkten, auf den nackten Felsen tanzen. Es mussten also Menschen in seiner Nähe sein. Er zog seine Beine vorsichtig an und schob sie unter seinen Körper. Ein stechender Schmerz in seiner rechten Seite durchzuckte ihn. Benommen schloss er die Augen, holte tief Luft und blieb in dieser Stellung liegen. Nachdem er wieder halbwegs klar denken konnte, fuhr er mit der Bewegung fort und rollte sich nun vollends auf die Seite. Endlich konnte er nicht nur den nackten Felsen sehen. Seine Kleidung hing in Fetzen an seinem Körper und auf der rechten Seite, in der Höhe seines Nabels, verfärbte ein dunkler Fleck sein vormals weißes Hemd. Wahrscheinlich kam der Schmerz von einer Verletzung an dieser Stelle. Aber, was war geschehen? Er versuchte, sich zu erinnern. Wer war er? Nichts! Sein Name wollte ihm einfach nicht mehr einfallen. Auch, der Zustand, in dem er sich befand, war ihm völlig unerklärlich. Was wusste er überhaupt noch? Da war etwas. Etwas Seltsames. Ein Gesicht, das von kupferfarbenen Locken umrahmt wurde. Die Haut schimmerte wie Elfenbein in der Sonne. Ein dunkelgrünes Gewand, das den Ton der Haut nur noch mehr hervorhob. Wangen gerötet, wie die eines Pfirsichs. Aber, das Faszinierendste waren diese smaragdgrünen Augen, die er, wie hypnotisiert, anstarrte. Sie versanken förmlich in seinem Blick, so als wollten sie in ihn hinein sehen. Nichts schien ihnen zu entgehen, weder seine Gedanken noch seine Seele. Das Merkwürdige daran war jedoch, dass er es geschehen ließ, scheinbar sogar genoss.

Wer war diese Frau? Und eine Frau war es mit Sicherheit. Selbst, wenn er es gewollt hätte, was allem Anschein nach nicht der Fall war, er hätte ihrem Blick nicht ausweichen können. Sie lächelte und öffnete den Mund, als wollte sie etwas zu ihm sagen. Doch stattdessen küsste sie ihn. Oder war er es, der sie küsste? Er meinte, ihre weichen Lippen und die Wärme ihrer Nähe noch immer auf seiner Haut zu spüren, als ein dumpfes Lachen aus der Ferne ertönte. Das Bild verschwamm vor seinen Augen und holte ihn zurück in die raue Wirklichkeit. Er sah nur noch die Dunkelheit und die tanzenden Schatten des Feuers. Kam dieses Lachen aus seiner Erinnerung, oder war es Realität? Wenn er es wirklich gehört hatte, dann musste es, von den Leuten, die dort in seiner Nähe das Feuer entzündet hatten, zu ihm herüber geweht sein. Vielleicht waren sie ja diejenigen, denen er seine jetzige Lage verdankte. Aber, wieso saßen sie dann so weit abseits, und ließen ihn auf den nackten Felsen liegen? Wenn er ihr Gefangener war, warum wurde er dann nicht bewacht? Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen. Wie lange lag er eigentlich schon hier? Wieder versuchte er, sich zu entsinnen. Das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war, seiner Meinung nach, die untergehende Sonne, die hinter den Gipfeln der Berge verschwand. Jetzt war es tiefste Nacht. Es waren demnach Stunden vergangen. Kein Wunder, dass man ihn so achtlos liegen ließ. Oder war es vielleicht Absicht? War es ihnen egal, was aus ihm wurde? Wollten sie ihn einfach seinem Schicksal überlassen? Wenn die Männer, oder, wer auch immer, dort am Feuer saß, diejenigen waren, die ihn hierher gebracht hatten, dann wussten sie auch von seinen Verletzungen. Vielleicht sollte er ja hier in dieser unwirtlichen Umgebung erfrieren oder verbluten. Aber, warum? Was, in Gottes Namen, hatte er getan, um solch eine Strafe zu verdienen? In seinem Kopf hämmerte und pochte es.

Der Schnee tanzte nun in dicken Flocken zur Erde. Eine dünne Schneeschicht überzog bereits seinen Körper. Etwas schien unaufhörlich tiefer in sein Fleisch zu dringen, sodass ihm das Atmen immer schwererfiel. Auch das Brennen und Stechen in seiner Seite wurde heftiger. Erneut stöhnte er leise. Es hatte keinen Sinn, sich weiterhin das Gehirn zu zermartern. Er konnte sich sowieso an nichts Wichtiges erinnern. Alles um ihn herum, drehte sich. Sein Magen verkrampfte sich, was seinen Zustand nur noch unerträglicher machte. Seine Lider wurden schwer wie Blei. Immer wieder fielen sie ihm zu. Zunächst versuchte er noch dagegen an zu kämpfen, denn er wusste, dass er, wenn er in diesem Moment das Bewusstsein verlor, vermutlich erfrieren würde. Er wollte nicht sterben. Noch nicht!  Nicht jetzt! Bitte, großer Gott, lass mich jetzt noch nicht sterben! Ich habe noch so viele Dinge zu klären! Er hielt sich noch eine Zeit lang gewaltsam wach, doch die Kälte breitete sich unbarmherzig in seinem Körper aus. Seine Arme und Beine waren mittlerweile taub. Auch ließ der Schmerz langsam nach und machte einer unendlichen Müdigkeit Platz. Hatte es überhaupt Sinn, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen? Wenn dies das Ende war, dann musste er es akzeptieren, ob er wollte oder nicht.

Gott, dachte er, wenn es dich gibt, dann mach, dass es schnell vorüber ist. Hab Erbarmen mit mir. Ich begebe mich in deine Hände, denn, was auch immer ich getan habe, du wirst mir vergeben. Dein Wille geschehe. Dann schloss er erschöpft seine Augen, hieß die Dunkelheit willkommen und ließ sich erneut in die tiefe Bewusstlosigkeit zurückgleiten, aus der er nur kurz erwacht war, mit der Gewissheit, wohl möglich nie wieder aufzuwachen.