2. Blick ins Buch (Schwanenfeder, Ginster & Gold)

Auszug aus Kapitel 9

»Was ist hier los?«, die Stimme ihres Vaters don­nerte durch den Raum, wie eine Urge­walt und unter­brach damit Noirin. »Hat­te ich nicht jed­wede Fes­tlichkeit ver­boten?«

Alle im Raum zuck­ten vor Schreck zusam­men und star­rten auf die Türöff­nung, in der Bri­an Fer­gu­son sich zu sein­er vollen Größe aufge­baut hat­te und sie dabei ansah wie der Rachegott höch­st­per­sön­lich. Auch Isabelles Blick war direkt zu ihrem Vater gewan­dert. Die Stille, die nun eingekehrt war, hat­te nichts mehr mit der fröh­lichen Erwartung zu tun, die noch vor weni­gen Augen­blick­en geherrscht hat­te, son­dern sie war bedrohlich und ang­ste­in­flößend, wie die bekan­ntlich Stille vor einem dro­hen­den Unheil.

Dieses Unheil betrat jet­zt in Gestalt ihres Vaters den Raum. Isabelle, war eine der ersten, die aus ihrer Erstar­rung erwachte. Es war unhöflich von ihrem Vater gewe­sen, Noirin ein­fach so zu unter­brechen. Doch als sie sich bei ihr für das rüde Ein­treten ihres Vaters entschuldigen wollte, war diese ver­schwun­den. Sie hat­te noch nicht ein­mal gemerkt, dass Noirin ihre Hand los­ge­lassen hat­te und ein­fach gegan­gen war, denn wie bei jedem anderen auch, war ihr Vater der­maßen in den Mit­telpunkt ihrer Wahrnehmung gerückt, dass alles andere unwichtig gewor­den war.

»Wer hat es gewagt, sich meinem Willen zu wider­set­zen? Zeigt mir den Hunds­fott! In einem Haus der Trauer wird nicht gefeiert. War mein Befehl nicht deut­lich genug?« Einige der Anwe­senden sahen betreten zu Boden, während andere erschrock­en ihre Köpfe ein­zo­gen. »Was ist? Hat es euch die Sprache ver­schla­gen?« Isabelle betra­chtete zuerst schweigend die Bedi­en­steten, dann schließlich ihren Vater. Sie kon­nte nicht zulassen, dass all die armen Men­schen hier seinen Zorn zu spüren beka­men. Einen Zorn, der ganz alleine ihr galt. Das hat­te sie nicht gewollt. Es half auch nichts, wenn sie sich weit­er­hin in der Menge verkroch, denn eines stand fest: Solange ihr Vater keinen Schuldigen gefun­den hat­te, würde er auch keine Ruhe geben. Und ihre Mut­ter war nicht mehr da, um ihn zu besän­fti­gen. Dementsprechend gab es nur eine Sache, die sie jet­zt tun kon­nte.

Isabelle atmete mehrmals kräftig ein und aus, straffte ihren Rück­en, hob ihren Kopf und trat dann, mit einem Mut, den sie sich selb­st niemals zuge­traut hätte, aus der Menge her­aus.

»Vater, das war ich! Ich dachte, die Bedi­en­steten …«, weit­er kam sie nicht. Ihr Vater stürmte auf sie zu, pack­te sie grob am Handge­lenk und unter­brach sie schreiend:

»Du! Wie kannst du es wagen .…«, Isabelle sah ihren Vater in Erwartung ein­er tüchti­gen Tra­cht Prügel ängstlich an. Doch anstatt ihr eine Ohrfeige zu ver­set­zen, hielt dieser plöt­zlich inne. Sie spürte, wie er sie mit einem Mal ver­wirrt musterte. Sein Blick wan­derte von ihrem Gesicht bis zu ihren Fußspitzen und wieder zurück.

»Mhairi?«, flüsterte er ihr daraufhin ver­wirrt zu.

»Nein, Vater, ich bin es, Isabelle.« Ihr Vater sah ihr ungläu­big in die Augen, so als könne er dort eine Antwort auf seine Frage find­en.

»Isabelle?«, brachte er schließlich ton­los her­vor.

»Aye!« Noch immer star­rte er sie an. Eine Weile geschah nichts. Dann aber änderte sich etwas in seinem Blick, was Isabelle nicht zuord­nen kon­nte.

»Du bist nicht Isabelle. Meine Isabelle ist noch ein Kind. Du aber bist eine Frau. Nicht eine Frau, son­dern meine Frau. Gott hat ein Wun­der bewirkt. Mhairi ist von den Toten zurück­gekehrt«, flüsterte er ton­los.

»Vater, nein, ich bin nicht Mut­ter. Ich bin Isabelle, deine Tochter.« Ihr Vater musterte sie erneut. Dies­mal allerd­ings nicht abschätzend, son­dern … Ja wie eigentlich? War das Begehren, was dort auf­flack­erte. Aber nein, sie hat­te ja keine Ahnung, wie Begehren aus­sah. Es musste etwas anderes sein. Und sie ahnte bere­its, was es war. Das, was sich in seinen Augen wider­spiegelte, kon­nte man nur mit Wahnsinn beze­ich­nen. Ihr Vater hat­te den Ver­stand ver­loren.

Isabelle ver­suchte verzweifelt, sich von ihm loszureißen, doch es gelang ihr nicht. Ihr Vater hielt ihr Handge­lenk so fest umk­lam­mert, dass es weh tat. Er sah sie noch ein­mal kurz an, hob dann ihre Hand an seine Lip­pen und hauchte einen Kuss darauf. Ein Raunen ging durch die Menge.

»Vor all den Anwe­senden hier gebe ich heute bekan­nt, dass Gott mir seine Gun­st geschenkt hat«, verkün­dete er nun mit lauter Stimme. »Was tot­geglaubt, ist zu mir zurück­gekehrt. Hier­mit gelobe ich, dass ich nie­mand anderes heirat­en werde, als diese Frau, die das Abbild mein­er geliebten Mhairi ist. Möge Gott unseren Bund seg­nen!«

»Nein!«, hörte sie daraufhin einige Bedi­en­stete schreien. »Das ist gegen Gottes Gebot!« Isabelle schrak zusam­men. Hat­te sie ger­ade richtig gehört? Ihr Vater wollte sie heirat­en? Trä­nen trat­en in ihre Augen. Das war nicht recht! Ein Vater durfte seine Tochter nicht heirat­en. Das war unnatür­lich! Gottes­lästerung! Das war …

Isabelle fehlten die Worte. Ihr kam nur ein Gedanke. Sie musste ver­schwinden und zwar sofort.

Während ihr Vater sich nun zu ihr herunter beugte, um sie zu küssen, ver­suchte Isabelle erneut sich von ihm loszureißen und dies­mal gelang es. Kaum dass sie spürte, dass sie ihren Arm frei bewe­gen kon­nte, ran­nte sie auch schon los. Wohin, das war ihr in diesem Moment vol­lkom­men egal. Haupt­sache weg, ganz weit weg, sodass er sie nie wiederfind­en kön­nte.

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