2. Blick ins Buch (Verloren im Abbild des Kriegers)

»Nimm es ruhig in die Hand!«, hörte sie Rons Stimme wie aus weiter Ferne sagen. »Auch wenn es so aussieht, es beißt nicht!« Seine Bemerkung war völlig unnötig, denn, noch bevor Ron den Satz beendet hatte, wanderten Raelyns Hände wie in Trance zu dem Heft. Ihre Finger schlangen sich wie von selbst um den lederbespannten Schwertgriff und hoben es leicht an. Kaum dass sie das volle Gewicht der Waffe in ihren Händen spürte, geschah etwas Merkwürdiges.

Irgendetwas durchzuckte ihren Körper und vor ihren Augen erschien plötzlich das Bild einer Landschaft. Grüne Hügel erstreckten sich, so weit das Auge reichte. Zwischen zwei Kleineren, genau in deren Talkessel, konnte sie die Konturen eines Sees erkennen. Die untergehende Sonne brach sich in seinem tiefblauen Wasser, dessen Oberfläche einen Teil der Landschaft widerspiegelte. Auf einem dieser Hügel stand eine riesige, alte Eiche. Die knorrigen Äste des Baumes wiegten sich sanft in der leichten Brise, die sein Laub leise zum Rascheln brachte.

Doch nicht der Baum an sich war es, der ihren Blick gefangen nahm, sondern die Gestalt, die zu seinen Füßen kniete. Es war eindeutig ein Mann! Nicht irgendein Mann, sondern ein schottischer Highlandkrieger in voller Highlandtracht. Sein Plaid entsprach genau dem Plaid, das sie eben noch zaghaft berührt hatte. Dichtes kastanienbraunes, schulterlanges, gelocktes Haar fiel ihm ins Gesicht, von dem sie nicht einmal die Konturen sehen konnte, da er auf einen Punkt vor sich auf den Boden starrte. Dieser Punkt war die Schwertspitze seines Claymores. Ein Schwert, das von weitem genauso aussah, wie jenes, dass sie selbst gerade ebenfalls in ihren Händen hielt.

Er hatte das Schwert senkrecht vor sich aufgestellt. Seine Hände lagen auf den Schenkeln des V-förmigen Hefts, während er die Stirn gegen den Knauf gelehnt hatte. Die ganze Szene hatte etwas Sakrales an sich, so als wollte er an eine höhere Macht gewandt, irgendetwas erflehen. Wahrscheinlich den Sieg in einer Schlacht, schoss es ihr durch den Kopf. Welchen Sieg und welche Schlacht? Verdammt, war sie gerade dabei durchzudrehen? Dass das wundervoll gearbeitete Claymore ihre Fantasie beflügelte, war ja noch verständlich. Dass es sie aber dazu brachte, Dinge zu sehen, die gar nicht sein konnten, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

Vielleicht hatte ihr kleiner Streit mit William und seine damit zusammenhängende Eröffnung, sie solle mit Mary zusammenarbeiten, ihr noch mehr zugesetzt, als sie bereits angenommen hatte. Und dann dieser abstruse Verdacht, sie könnte etwas mit dem Schreiben zu tun haben! Sie hatten sich über den Text unterhalten und wie unerklärlich ihr das Ganze erschien. Und er? Ja er hatte darauf einen vermeintlichen Scherz gerissen. Wie hatte er sich noch ausgedrückt? Ach ja! »Es sei denn, du kannst in die Vergangenheit reisen und hast es selbst geschrieben.« Wahrscheinlich hatte ihr Hirn nach all dem Stress diesen einen Satz dazu benutzt, ihr eine Szene aus der Vergangenheit vorzugaukeln. Aber war es wirklich ein Szenarium, das in einer fernen Zeit spielte, oder eher etwas, was sie im Fernsehen oder Kino gesehen hatte und das ihre Erinnerung ihr nun als real vorgaukelte? Wie dem auch sei, ihr Gehirn brachte sie offenbar mit dem Claymore in Verbindung. Aber wenn alles um sie herum bloße Einbildung war, wieso konnte sie dann förmlich das Gras unter ihren Sohlen spüren und den Duft des Heidekrauts riechen? Vor lauter Verwirrung hielt Ray den Atem an. Welche Bilder würde ihre Fantasie ihr noch zeigen?

Mit einem leichten, fast unbewussten Kopfschütteln versuchte sie, ihre Gedanken aus dem Kopf zu bekommen und sich wieder auf die Szene vor ihren Augen zu konzentrieren. Der Highlandkrieger hatte sich in der Zwischenzeit nicht einen Millimeter bewegt. Er kniete weiterhin in derselben Haltung auf der Erde Wenn er selbst im Knien mit der Stirn den Knauf des Claymores berühren konnte, dann musste er ein wahrer Hüne sein. Und nicht nur das! Wenn der Rest seines Körpers nur halb so muskulös, wie seine starken Unterarme es erahnen ließen, war, dann war er nicht nur ein Hüne, sondern ein verdammt gut gebauter noch dazu.

In diesem Moment hob er seinen Kopf und Raelyns Herzschlag setzte für eine Sekunde aus. Das Gesicht, in das sie sah, war das schönste Männergesicht, das sie jemals gesehen hatte. Von den hohen Wangenknochen, über seine gerade Nase, den vollen Lippen bis hin zu dem kantigen Kinn, war es nahezu perfekt. Jeder Maler hätte seine wahre Freude an ihm. Doch das Faszinierendste an ihm waren seine Augen, die sie nun völlig verwirrt ansahen. Wie, seine Augen sahen sie an? Wie war das möglich?

Um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht schon wieder etwas einbildete, was gar nicht sein konnte, starrte sie einfach zurück.

Die seichte Abendbrise fuhr ihr durch ihr langes Haar und wehte es in ihr Gesicht. Ein Zittern ging durch ihren Körper, als der kühle Wind ihre Haut streifte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, während ihre Verwirrung stetig wuchs. Wie konnte es sein, dass der Wind ...? Demnach bildete sie sich die Landschaft nicht ein. Doch wie war sie hierhergekommen? Und wo war hier?

»Wer seid Ihr?«, der Klang seiner tiefen, sanften Stimme brachte sie völlig aus der Fassung. Sie schrak zusammen und das Schwert glitt aus ihren Händen. Bereits während es klirrend auf den Boden fiel, verblasste das Bild und Ron tauchte vor ihr auf.