Blick ins Buch (Verloren im Abbild des Kriegers)

 Prolog

Die Nacht war schwarz, wie das Gefieder eines Raben. Der Mond hatte sich hinter den dunklen Wolken verkrochen, so als wolle er nicht mit ansehen, was unter ihm geschah. Ein Sturm peitschte die Wellen des Meeres gegen die schroffen Gestade, sodass die Gischt mannshoch an die Mauern des großen Bergfrieds schlug. Zwischen das gespenstische Heulen des Windes mischte sich immer wieder vereinzeltes Donnergrollen, das bis in die Grundfesten des Gemäuers drang. Selbst in der kleinen Kammer, die sich weit innerhalb dieser Mauern befand, konnte man die tosende Urgewalt hören, die bedrohlich ihre Kreise um die Burg zog.

Sie seufzte leise, als ein weiterer Donnerschlag die Mauern erneut zum Beben brachte. Es war, als versuchte das Wetter ihr vor Augen zu führen, wie es tief in ihrem Innern gerade aussah. Doch es waren nicht ihre, sondern die Gefühle ihres Gefährten, die ihr lautstark zu verstehen gaben, dass die Zeit gekommen war, in ihr eigentliches Leben zurückzukehren. Dieser Sturm hier war erst der Anfang, doch schon er zeugte davon, dass das Ende infernalisch werden würde, wenn sie noch länger zögerte. Obwohl er selbst sich bisher oft genug desselben Vergehens schuldig gemacht hatte und sie es jedes Mal würdevoll erduldete, wog ihres weit schwerer als die Seinen, denn ihre als vermeintliche Rache gedachte Liaison mit dem Laird dieser Burg, war zu weit mehr geworden, als beabsichtigt. Es war eine Sache, es jemandem mit gleicher Münze heimzahlen zu wollen, eine ganz andere war es jedoch, es dann auch tatsächlich so weit kommen zu lassen. Zumal es einen gravierenden Punkt gab, den sie völlig außer Acht gelassen hatte: Ihre Gefühle! Wie auch hätte sie erahnen können, dass diese gerade jetzt, nach all den langen Jahren ohne sie plötzlich zurückkehren würden, und das mit einer Urgewalt, wie noch niemals zuvor.

In ihren Augen schimmerten Tränen, als sie sich letztendlich zu dem schlafenden Mann, der neben ihr auf den weichen Fellen lag, hinunterbeugte und ihm einen Kuss auf die Lippen hauchte. In diesem Moment schlug er die Augen auf.

»Du willst mich also wirklich verlassen?«, flüsterte er leise, während seine Hand nach ihrem Arm griff. Wieder seufzte sie, dabei wandte sie sich von ihm ab, damit er die Tränen, die ungehindert über ihre Wangen flossen, nicht sah. »Bleib! Bitte!« Seine Bitte war mehr ein Flehen, als eine bloße Aufforderung.

»So gerne ich dir deinen Wunsch auch erfüllen würde, du weißt, dass ich das nicht kann«, entgegnete sie ihm, ohne sich zu ihm umzudrehen. Seine Hand wanderte zaghaft über ihren Nacken zu ihrer Wange.

»Sieh mich an! Ich möchte, dass du mir in die Augen siehst!«

»Mach es uns doch nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist«, gab sie leise zurück. »Du wusstest von Anfang an, dass die Zeit, die wir uns gestohlen haben, nicht ewig andauern würde. Du weißt auch, dass ich eine Aufgabe zu erfüllen habe. Ich muss zurück! Ich gehöre nicht hierher und werde es auch niemals! Obwohl ich es mir mehr wünsche, als ...«

»Dann bleib! Auch ich wünsche es mir mehr als ...«

»Ich kann nicht!«, unterbrach sie ihn, während sie Anstalten machte, sich von dem Bett zu erheben. Doch er hielt sie mit seiner anderen Hand fest und hinderte sie auf diese Weise am Aufstehen. Zaghaft wandte sie sich ihm zu und sah ihm mit tränenverhangenen Augen in die Seinen. »Bitte!«, flüsterte sie leise. »Wenn du mich jetzt nicht gehen lässt, dann bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich es überhaupt noch einmal wagen werde.«

»Dann wage es nicht! Du weißt, dass du ... Wenn nicht für dich, dann für mich! Für uns!« Er ließ sie für einen Augenblick los, nur um seine Arme um sie zu schlingen und sie zurück auf das Bett zu ziehen. Als er jedoch ihren Widerstand bemerkte, hielt er abrupt inne. »Du willst mich demnach wirklich verlassen?« Sie nickte zaghaft, dabei starrte sie ihn genauso verzweifelt an, wie er sie. Aus seinen Augen sprach Unglaube, Angst und eine Trauer, die man in einem Mann wie ihm kaum vermutet hätte. Er war die ganze Zeit, die sie inzwischen mit ihm verbrachte, ihr Fels in der Brandung, ihr Anker und ihr sicherer Hafen gewesen, doch nun geriet dieser Fels offensichtlich ins Wanken, so als hätte die Flut ihn unterspült. Und das alles wegen ihr! Denn sie war es, die ihm soeben den Boden unter den Füßen entzog und sein Herz brach. Erneut seufzte sie. Dann beugte sie sich zu ihm hinunter und küsste ihn. Er hielt sie in seinen Armen gefangen, presste sie so fest an seinen Körper, als wäre es das Letzte, was er zu tun gedachte. So als gäbe es kein Morgen. Und genauso war es ja auch. Für sie beide würde es kein Morgen geben. Nie mehr!

Der Kuss ließ sie alles um sich herum vergessen. Wer sie war. Was sie war. Warum sie überhaupt fort wollte. Doch ein einzelner Donnerschlag, der die Mauern erneut erzittern ließ, brachte sie unsanft zurück in die Wirklichkeit. Erschrocken beendete sie den Kuss und sah ihn erneut an.

»Hörst du ihn? Er tobt vor Wut. Wenn ich seinem Drängen nicht nachgebe, dann ist kein Lebewesen auf dieser Burg mehr sicher. Er wird nicht eher ruhen, bis alles, was dir gehört, von Grund auf zerstört ist. Willst du das wagen? Willst du um meiner willen deine Leute wahrhaftig dieser Gefahr aussetzen?« Er öffnete seinen Mund, um ihr etwas zu entgegnen, doch sie legte sanft ihren Finger auf seine Lippen, und gebot ihm auf diese Weise zu schweigen. »Ich weiß, dass du mir jetzt entgegnen willst, dass du vor nichts und niemandem Furcht hast. Vermutlich stimmt das sogar, aber diesmal solltest du Angst haben. Es ist keine Armee, die dich und die Deinen bedroht, sondern eine höhere Macht. Mein Gemahl wird eine Niederlage niemals dulden. Auch wenn es sich dabei nur um die in der Gunst seiner Frau handelt«, erneut traten Tränen in ihre Augen. »Du bist und wirst auf ewig meine große Liebe bleiben, doch so schwer es mir auch fällt, die Zeit des Abschieds ist gekommen.« Er wollte erneut etwas erwidern, doch sie schüttelte ihren Kopf. »Sag jetzt nichts! Du brauchst es nicht auszusprechen, ich weiß es auch so. Bevor ich dich jedoch für immer verlasse, habe ich ein Geschenk für dich. Es wird dich an mich erinnern und dich beschützen. Hier!« Sie zog ein braun-gelbes seidenes Banner aus ihrem Gewand, das mit roten Punkten versehen war, und reichte es ihm. »Wenn die Not am größten ist, dann entfaltet es. Es wird euch vor allem Übel schützen, denn in ihm wohnt ein Teil meiner Macht, die ich dir hiermit schenke. Genauso«, fügte sie noch leise hinzu, »wie auch du mir einen Teil von dir geschenkt hast.« Mit diesen Worten löste sie sich vor seinen Augen auf und verschwand. Das Gewitter und der Sturm schlossen sich ihr an, als wären sie untrennbar mit ihr verbunden gewesen. Der Mond entblößte sein Antlitz und es kehrte Ruhe und Frieden ein. Doch nicht für ihn! Mit ihr war ein Teil seiner Seele verschwunden. Der Teil, der ihn fest mit all dem verband, was ihn einst ausgemacht hatte. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er nie mehr derselbe sein würde. Sein Leben hatte mit ihr seinen Sinn verloren und einen Neuen zu finden erschien ihm mehr als unwahrscheinlich