Ein ganz normaler Tag

Das Mäd­chen­klo der Leib­nitz-Gesamt­schu­le war genau­so trist wie immer. Grau geka­chel­te Wän­de, grau geka­chel­ter Fuß­bo­den, graue Trenn­wän­de, graue Türen, sogar die Klo­bril­len waren grau. Toi­let­ten­pa­pier­fet­zen schwam­men in gelb­lich schim­mern­den Lachen. Es stank fürch­ter­lich. Eigent­lich kein Ort, an dem man sich ger­ne und lan­ge auf­hielt, doch Saskia sah das anders. Sie saß auf einer der Klo­schüs­seln und schrieb zusam­men­hang­lo­se Wort­fet­zen auf die grau­en Trenn­wän­de. Nicht, um ande­re mit ihren Gedan­ken zu beglü­cken, son­dern nur um zu sehen, wel­che Wir­kung ihre Schrift auf die frisch getünch­ten Wän­de aus­üb­te. Ihre Art etwas Leben in die Tris­tesse die­ses Schul­be­reichs zu brin­gen. Nicht weit von ihr ent­fernt lehn­te ihre Freun­din Nele gegen eine der Toi­let­ten­tü­ren und zog an ihrer Ziga­ret­te. Das wei­ße Licht der Neon­leuch­ten beschien sie, wie einen Star auf einer gro­ßen Büh­ne. Nele wuss­te es, wie man sich gekonnt in Sze­ne setz­te. Immer die neus­ten Sachen. Nur Mar­ken­kla­mot­ten! Esprit, S’Oliver und all der ande­re Schnick­schnack. Ober­fläch­li­che Din­ge, für eine ober­fläch­li­che Per­son, die sich nur über eine ein­zi­ge Sache zu defi­nie­ren schien, näm­lich die Koh­le ihres Vaters. Sicher, alles, was sie tat, mach­te sie rich­tig. Sie dul­de­te kei­ne fau­len Kom­pro­mis­se. Ent­we­der ganz oder gar nicht! Doch Saskia hat­te mitt­ler­wei­le auch gelernt hin­ter ihre Fas­sa­de zubli­cken; den Men­schen in der Klei­dung zu sehen. Einen Men­schen, der ihr weit­aus ähn­li­cher war, als sie zunächst ange­nom­men hat­te. Bei­de hass­ten sie das täg­li­che Einer­lei. Bei­de woll­ten sie auf irgend­ei­ne Wei­se aus­bre­chen und Bei­den gelang es nur mäßig.

»Has­te heut’ schon was vor? Oder soll’n wir nach der Schu­le noch was abhän­gen?« Nele zog erneut an ihrer Ziga­ret­te. Abhän­gen war genau das rich­ti­ge Wort. Bestand ihr Leben nicht bereits nur noch aus abhän­gen? Ohne Sinn und Ver­stand, bloß um über­haupt etwas zu tun? Saskia krit­zel­te „Alles ist Schei­ße“ an die Wand und ergänz­te dann „Schei­ße isst man nicht, man macht sie nur“.

»Eigent­lich will mein Alter, dat ich nach der Schu­le sofort nach Hau­se kom­me. Mei­ne Oma hat Geburts­tag und da soll ich mit.« Nele ver­zog ange­wi­dert das Gesicht.

»Boa! Du willst doch nich’ wirk­lich zu so ‘ner spie­ßi­gen Fami­li­en­fei­er gehen? Ich krieg’ schon die Kri­se, wenn ich nur dar­an den­ke. ‘Ne Hor­de Gruf­ties, die alle nur blöd ‘rum­la­bern«, sie deu­te­te einen Brech­reiz an, »zum Kotzen!«

»Hab’ ja auch kei­nen Bock dazu.« Nele grinste.

»Dann lass es doch blei­ben.« Sie zog erneut an ihrer Ziga­ret­te und ließ den Rauch als klei­ne Krin­gel aus ihrem Mund aufsteigen.

»Lass mich ‘mal ziehen!«

»Nur wenn’e nach­her mit­kommst.« Sie hielt Saskia ihre Ziga­ret­te unter die Nase und die­se griff sofort zu.

»Wat hass’e denn vor?« Saskia zog gie­rig an der Kippe.

»Mal sehen!«

»Wenn’e nich’ weiß, watt’e machen willst, dann kann ich bes­ser zu der blö­den Fei­er gehen. Auf nur so ‘rum­hän­gen hab’ ich näm­lich auch kei­nen Bock.«

»Hab ich gesagt, dat wa nur so ‘rum­hän­gen?« Saskia schüt­tel­te ihren Kopf.

»Nee, aber auch nich, watt’e machen willst. Wohin wills’e denn?«

»Ins Park­haus!«

»Klas­se! Toll! Super Idee! Kann mir nichts Bes­se­res vor­stel­len, als den Nach­mit­tag im Park­haus zu hocken und Autos zu gucken. Mensch, lang­wei­li­ger geht’s wohl nich’, wa?« Nele grinste.

»Wer sagt denn, dass ich Autos gucken will? Da gibt es viel inter­es­san­te­re Sachen, die man gucken kann.«

»Und was, bit­te schön?« Neles Grin­sen wur­de noch eine Spur breiter.

»Hab’ gehört, dass die Jungs aus der 12 da seit neu­es­tem ‘rum­hän­gen. Seit das Juz zu ist und die deren Half­pipe abge­ris­sen haben, trai­nie­ren die mit ihren Skate­boards auf dem ers­ten Park­deck.« Ach, daher weh­te der Wind! Die Jungs, das waren Patrick, Phil­ipp und Den­nis. Drei Ober­stu­fen­schü­ler, die echt cool drauf waren und zudem noch rich­tig nied­lich aus­sa­hen. Phil­ipp war der Lea­der der Grup­pe. Ein wenig forsch, direkt und, na eben ein­fach süß. Zwi­schen Saskia und ihm bahn­te sich all­mäh­lich etwas an. Lie­be war es nicht, nicht ein­mal Ver­liebt­heit, aber Saskia sah in ihm die Mög­lich­keit, der dro­hen­den Gefühls­wüs­te, die sich tag­täg­lich wei­ter in ihr aus­brei­te­te, zu ent­kom­men. Wenn auch nur für ein paar Stun­den, Tage oder Wochen, so ver­sprach er doch ein wenig Zer­streu­ung. Patrick dage­gen war weni­ger forsch. Er war Neles Ziel. Sie hat­te schon mehr­fach ver­sucht ihn anzu­bag­gern, aller­dings ohne rich­tig Erfolg damit zu haben. Kein Wun­der! Patrick war ein wenig schwer von Begriff. Viel­leicht, weil er im Grun­de genom­men nur sei­ne Sport im Kopf hat­te. Alle, in sei­nen Augen, unwich­ti­gen Din­ge, ver­dräng­te er ein­fach. Lies sie gar nicht erst an sich her­an. Doch Nele war hart­nä­ckig. Was sie woll­te, bekam sie auch, für gewöhn­lich. Den­nis war der Mit­läu­fer der Grup­pe. Das blas­se, gesichts­lo­se Etwas, das sich weder den Luxus von Cha­rak­ter, noch von kör­per­li­cher Prä­senz gönn­te. Auf ihn konn­te man getrost ver­zich­ten, zumal er in, ihm unan­ge­neh­men, Situa­tio­nen sofort Reiß­aus nahm.

»Na schön! Aber Phil­ipp gehört mir, auch wenn du wie­der nicht bei Patrick lan­den kannst.«

Die Tür zum Mäd­chen­klo wur­de aufgerissen.

»Schei­ße!« Geis­tes­ge­gen­wär­tig warf Saskia die bren­nen­de Ziga­ret­ten­kip­pe in die nächs­te Klo­schüs­sel. Doch es war kei­ne Leh­re­rin, die die Toi­let­te betrat, son­dern Eve­li­ne. Eve­li­ne ging in ihre Klas­se. Kei­ner moch­te sie. Sie war eine Stre­be­rin. Wenn man sich hin­ter ihr bewe­gen muss­te, muss­te man auf­pas­sen, nicht auf ihrer Schleim­spur aus­zu­rut­schen. Auch ihr Aus­se­hen ent­sprach voll und ganz den Kli­schees. Klein, dick, Bril­le und fet­ti­ge Haa­re. Ein­fach grau­en­haft. Das Schlimms­te jedoch an ihr war, dass sie sich in letz­ter Zeit in den Kopf gesetzt hat­te, mit Nele Freund­schaft zu schlie­ßen. Das sah man auch ganz deut­lich an ihrer Klei­dung. Auch heu­te trug sie wie­der fast das­sel­be Out­fit wie Nele, so als wür­de sie mor­gens vor der Schu­le schon erah­nen, was Nele aus ihrem mehr als über­quel­len­den Klei­der­schrank her­vor­kra­men wür­de. Aller­dings stand es ihr bei Wei­tem nicht so gut wie Nele. Sie sah eher wie eine klei­ne, gedrun­ge­ne Press­wurst aus. Ihre fet­ten Schen­kel sta­ken aus dem bis zum bers­ten gedehn­ten Mini­rock, wie über­di­men­sio­na­le Kar­tof­fel­stamp­fer, her­vor und ihre Jeans­ja­cke war so eng, dass sie sie noch nicht ein­mal zu bekam. Sie wirk­te gera­de­zu lächer­lich. Fast schon gro­tesk. Saskia frag­te sich, woher sie das Geld für ihre kost­spie­li­gen neu­en Out­fits nahm, denn, wie jeder wuss­te, bekam ihr Vater nur Hartz IV, war stän­dig besof­fen und scher­te sich einen Dreck um sei­ne Fami­lie. Auch Eve­li­nes Mut­ter konn­te auf kei­nen Fall so viel Koh­le ver­die­nen, denn soweit Saskia es wuss­te, ging sie nur zwei­mal die Woche irgend­wo put­zen. Ver­mut­lich griff das Mons­ter irgend­wo die Koh­le ab, solan­ge sie sie aber in Ruhe ließ, war es ihr egal. Einen Vor­teil hat­te Eve­li­ne jedoch. Sie war immer genau dann greif­bar, wenn man sie brauch­te. Eve­li­ne war genau die Sor­te Freak, auf der man gedan­ken­los her­um­ha­cken konn­te, ohne mit Kon­se­quen­zen rech­nen zu müs­sen. Sie schluck­te wider­stands­los die bit­ters­ten Pil­len. Opti­mal, wenn man von sei­ner eige­nen, beschis­se­nen Situa­ti­on ablen­ken woll­te. Man fühl­te sich gleich viel besser.

»Na, hass’e alles mit­ge­kriegt? Würd’ mich wun­dern, wenn nich’!«, Eve­li­ne ant­wor­te­te nicht. Sie starr­te Nele nur ver­le­gen an.

»Nele, du siehst heu­te wie­der Klas­se aus!«, stot­ter­te sie schließlich.

»Du auch! Wie ‘ne Press­wurst! Sag ‘mal, habt ihr zu Hau­se kei­ne Spie­gel?« Eve­li­ne war den Trä­nen nahe.

»Is’ noch was?«

»Woll­te nur auf’s Klo!«

»Sicher! Hast bestimmt wie­der so viel in dich hin­ein­ge­stopft, dat es ganz schnell wie­der hin­aus muss. Komm Saskia, wir gehen!« Sie hielt sich mit einer Hand die Nase zu. »Stin­kalarm!« Eve­li­ne stand noch immer wie ange­wur­zelt in der Tür. Sie war nicht in der Lage zu reagie­ren, geschwei­ge denn zu ant­wor­ten. Saskia konn­te jedoch sehen, dass sie lang­sam die Hän­de zu Fäus­ten ballte.

»Die Dicke geht mir so was von auf’n Sack! Kann die mich nich’ ‘mal in Ruhe las­sen. Über­all, wo ich bin, taucht die auch auf. Wie ‘ne Klet­te oder’n Para­sit. Du weißt doch, die Din­ger, die an einem kle­ben und sich an dir fest­sau­gen. Wider­lich! Hat die kei­ne ande­ren Hob­bys?« Es gong­te. Saskia und Nele gin­gen wider­wil­lig in die Klas­se. Nele war gera­de so gut in Fahrt. Ver­damm­te Unterbrechung!

Nach der Schu­le saßen sie bei McDo­nalds. Sie beob­ach­te­ten die Leu­te, die kau­ten und stopf­ten, und stopf­ten und kau­ten. Kin­der war­fen die Papier­tü­ten ihres Hap­py-Meals durch die Gegend und erfreu­ten sich an dem Schund, der als Spiel­zeug getarnt in dem Papier­wust zum Vor­schein kam. Wie leicht sie doch zu beein­dru­cken waren. Was für eine Welt! Nach einer Stun­de war auch das zu lang­wei­lig. Außer­dem muss­ten die Jungs bereits im Park­haus ange­kom­men sein. Also beschlos­sen sie, aufzubrechen.

Die grau­en Wän­de des sie­ben­stö­cki­gen Park­hau­ses waren über und über mit Graf­fi­ti beschmiert. Man­che extrem auf­wen­dig gestal­tet, ande­re wie­der eher stüm­per­haft ein­fach so dahin­ge­sprüht. Saskia und Nele rann­ten durch das Trep­pen­haus hin­auf zum ers­ten Park­deck. Schon von Wei­tem hör­ten sie das mono­to­ne Geräusch von Gum­mi­rol­len auf Beton. Die Jungs waren also schon da, genau wie angenommen.

»Wen haben wir denn da?« Den­nis hat­te sie ent­deckt und kam auf sie zu. „Wenn das nicht die klei­ne Mäd­chen­frak­ti­on ist! Phil­ipp guck ‘mal dei­ne Flam­me ist da.« Saskia wur­de rot, wäh­rend Phil­ipp abbrems­te, sei­nem Skate­board einen Tritt ver­set­ze, sodass es in die Luft flog, und es anschlie­ßend läs­sig auf­fing. Dann kam auch er auf sie zu, dicht gefolgt von Patrick, der die Mäd­chen nun eben­falls bemerkt hatte.

»Na ihr bei­den! Was treibt euch denn hier­her? Langeweile?«

»Haben wir doch nie!« Nele grins­te Patrick ver­le­gen an.

»Würd’ mich auch wun­dern.« Patrick grins­te zurück.

»Dach­te, wir könn­ten euch ‘n biss­chen zugu­cken. Hab’ gehört ihr seit gar nicht schlecht.«

»Jepp! Kann man so sagen!«

»Na, dann zeigt doch ‘mal, was ihr könnt!«

»Wir kön­nen euch aber nich’ alles zei­gen. Ohne Half­pipe is’ das extrem schlecht.«

»Macht nix!« Das lie­ßen sich die Jungs nicht zwei­mal sagen. Alle drei schwan­gen sich auf ihre Boards, voll­führ­ten U‑Turns, Big­sporns, Flips, Grinds und ande­re abge­dreh­te Figu­ren. Nele war voll­kom­men fas­zi­niert. Sie starr­te auf Patrick und feu­er­te ihn dabei zu immer wag­hal­si­ge­ren Aktio­nen auf. Schließ­lich zog sie ihr Han­dy aus der Tasche und mach­te meh­re­re Fotos. Nach einer Wei­le kehr­ten die Jun­gen völ­lig außer Atem zu ihnen zurück.

»Und? Wie war’n wir?«

»Geht so.« Patrick zog ungläu­big eine Augen­braue nach oben und starr­te sie ver­wirrt an.

»Geht so?« Nele brach in Geläch­ter aus. »Nee, war nur ‘n Scherz. Ihr seid echt Klas­se. Aber, dein Gesicht hättest’e sehen müs­sen.« Jetzt lach­ten sie alle.

»Has­te Fotos gemacht?« Nele nick­te. »Zeig mal!« Wäh­rend sie die Fotos auf ihrem Han­dy such­te, schmieg­te sie sich eng an Patrick, der jedoch ein­zig und allein ihr Han­dy zu bemer­ken schien. Jungs! Schoss es Saskia durch den Kopf. Konn­te man begriffs­stut­zi­ger sein. Es war doch offen­sicht­lich, was Nele bezweck­te, doch die­ser Idi­ot schien es ein­fach nicht zu bemer­ken. Im Gegen­satz zu Phil­ipp, der nun neben ihr stand und sie von oben her­ab musterte.

»Und, war ich auch, geht so, oder war ich bes­ser?« Saskia schluck­te und lächel­te ihn ver­le­gen an. »Also war ich bes­ser?« Sie nick­te. »Dann habe ich mir doch bestimmt eine Beloh­nung ver­dient.« Wie­der nick­te sie. »Wie wär’s mit einem Kuss?« Saskia lief puter­rot an, wäh­rend Phil­ipp sich zu ihr her­un­ter­beug­te und ihr einen Kuss auf die Lip­pen drück­te. Sie war total über­wäl­tigt. End­lich! End­lich war er aus dem Quark gekom­men und hat­te genau das getan, was sie von ihm erwar­te­te. Zögernd erwi­der­te sie sei­nen Kuss. Phil­ipp sah das als Auf­for­de­rung an und drück­te sie nun fes­ter an sich. Saskia war selig. Sie schweb­te im sieb­ten Himmel.

»Boa, ich kann euer Geknutsch­te nich’ mehr ertra­gen! Will einer von euch auch ‘ne Cola. Ich geh ‘mal schnell irgend­wo ‘was besor­gen.« Den­nis Stim­me hol­te sie zurück auf den Boden der Tat­sa­chen. Erst jetzt bekam sie mit, dass Nele und Patrick wohl auch gera­de dabei waren, sich ein­an­der etwas näher zu kom­men, denn Nele ver­schlang ihn gera­de­zu mit ihren Bli­cken. Auch Patrick schien jetzt mehr an ihrer Freun­din als an deren Han­dy inter­es­siert. Gestört durch Den­nis Wor­te, blick­ten sie irri­tiert zu ihnen herüber.

»Mach das!« Den­nis ver­schwand, wäh­rend Nele und Patrick sich wie­der inten­si­ver mit­ein­an­der beschäf­tig­ten. Auch sie und Phil­ipp lie­ßen sich jetzt von nichts mehr stö­ren. Unge­niert mach­ten sie mit­ein­an­der her­um. Eins war klar. Der Tag war bis­her sowohl für Nele als auch für sie ein vol­ler Erfolg. Gut, dass sie nicht zu der beklopp­ten Fei­er gegan­gen war. Das hier war näm­lich bei Wei­tem bes­ser. Viel besser!

Es dau­er­te eine Wei­le, bis Den­nis zurück­kehr­te. Jedoch nicht allein. Direkt hin­ter ihm tauch­te der fet­ti­ge Kletsch­kopf von Eve­li­ne auf, die mun­ter auf ihn ein­re­de­te. Den­nis schien sicht­lich genervt.

»Hat die Quas­sel­was­ser getrun­ken, oder redet die immer so viel?« Er ver­dreh­te sei­ne Augen. Eve­li­ne hielt mit­ten im Satz inne. Ihre Augen wan­der­ten über die bei­den Pär­chen. Saskia bekam ein mul­mi­ges Gefühl, als sie Eve­li­nes Blick auf sich spür­te. Irgend­et­was stim­me nicht, doch, was es war, konn­te sie sich nicht erklä­ren. Aber nicht sie und Phil­ipp waren das Ziel von Eve­li­nes Begier­den, son­dern Nele und Patrick, die sie förm­lich mit ihren Augen aus­zog. Saskia hat­te das Gefühl, dass Eve­li­ne jetzt ein­deu­tig zu weit ging. Sich in der Schu­le, wie eine Klet­te an ande­re zu hän­gen, war eine Sache, in der Frei­zeit dage­gen eine völ­lig ande­re. Das hier war pri­vat. Sehr pri­vat! Pri­va­tes und Schu­le muss­te getrennt wer­den. Doch Eve­li­ne durch­brach mit ihrer Ankunft die­ses unge­schrie­be­ne Gesetz. Pene­tranz hin oder her, dass sie hier war, war nicht richtig.

»Hast du ‘was zu Trin­ken geholt?« Patrick rich­te­te sei­ne Fra­ge an Den­nis. Wohl eher um die bedrü­cken­de Stil­le, die seit Eve­li­nes Ankunft ent­stan­den war, zu durch­bre­chen, als mit wirk­li­chem Inter­es­se. Den­nis grinste.

»Hier!« Er zog eine ½‑Li­ter-Fla­sche Cola aus sei­nem Ruck­sack und warf sie ihm zu. Patrick fing sie läs­sig mit einer Hand auf. Unter lau­tem Zischen öff­ne­te er sie, dabei spritz­te ein Teil ihres Inhalts in Neles Richtung.

»Bist du irre? Ich hab’ schon geduscht? Igitt, ich kle­be!« Nele ver­zog ange­wi­dert ihr Gesicht.

»Tschul­di­gung!« Mur­mel­te Patrick, jedoch ohne einen Anflug von Reue, denn er grins­te dabei breit.

»Willst’e auch ‘was?«

»Nö! Hab’ mehr als genug abbekommen!«

»Wenn die nich’ will, ich hät­te lie­bend gern’ ‘nen Schluck!« Eve­li­ne kam lang­sam auf die bei­den zu. Patrick schnitt eine Gri­mas­se, wor­auf die ande­ren in Geläch­ter aus­bra­chen. Nicht so Eve­li­ne. Sie stand nun direkt vor ihm und strahl­te ihn gera­de­zu an.

»Es ist auch nicht schlimm, wenn du mich nass m machst, ist ja nur Cola!«

»Wenn du die trin­ken lässt, dann dreh ich durch!«, press­te Nele zwi­schen ihren Zäh­nen her­vor. Eve­li­ne erstarr­te. »Fett­mops, ver­zieh dich!«

»Ich hab’ das glei­che Recht, wie ihr, hier zu sein!«

»Sicher! Aber, du bist hier, im Gegen­satz zu uns, voll­kom­men überflüssig.«

»Bin ich das?«, Eve­li­nes Augen blitz­ten, wäh­rend sie Patrick wei­ter­hin ein strah­len­des Lächeln zeigte.

»Ja, und jetzt ver­piss dich!«, Nele wur­de lang­sam rich­tig wütend.

»Willst du auch, dass ich gehe? Oder wär’ dir’s lie­ber, wenn ich blei­be?«, Patrick fühl­te sich sicht­lich unwohl in sei­ner Haut.

»Hör auf, mei­nen Macker anzu­gra­ben, du wider­li­che Schlampe!«

»Ich grab’ ihn doch gar nich’ an! Wat kann ich dafür, wenn’e dei­nen Typen nich’ im Griff hast!«, Saskia ver­stand Neles Zorn auf Eve­li­nes plum­pe Anma­che. Wochen­lang war sie bei Patrick nicht zum Zug gekom­men und jetzt, wo sie ihn end­lich so weit hat­te, ver­such­te die­ses Tier ihr einen Strich durch die Rech­nung zu machen. Aller­dings wuss­te sie auch, dass Nele in ihrem Zorn oft­mals über das Ziel hin­aus­schoss. Doch das hier, war etwas ande­res. Es wur­de wirk­lich lang­sam Zeit, dass jemand die­ser Kuh ein­mal sei­ne Mei­nung sag­te, damit sie end­lich begriff.

»Sieh zu, dat’e Land gewinnst. Du kotzt mich an! Ewig hängst du mir auf’er Pel­le. Reicht es nich’, dat du in’er Schu­le an mir klebst? Muss du mir jetzt auch noch so stän­dig hin­ter­her lau­fen und mir den Rest der Zeit auch noch versauen?«

»Aber, ich woll­te doch nur …«, stot­ter­te Eveline.

»Sicher, du woll­test doch nur. Man kapier’s doch end­lich. Du bist nich’ mei­ne Freun­din und wirst es auch nie sein. Mit so’ner wie dich, würd’ ich mich nie abge­ben. Nicht ‘mal, wenn die Erde ein­stürzt. Geh zu dem Abschaum, zu dem du gehörst!«

»Ich bin kein Abschaum.« Wäh­rend ihrer kur­zen Rede hat­te sich Nele vor Eve­li­ne aufgebaut.

»Du bist Abschaum«, Nele tipp­te mit ihrem Zei­ge­fin­ger auf Eve­li­nes Brust, »und zwar Abschaum der übels­ten Sor­te.« Kei­ner der ande­ren rühr­te sich. Jeder ver­folg­te gespannt die Szene.

»Bin ich nich’!« Eve­li­ne schrie Nele an und hielt ihre Hand fest. Das war noch nie pas­siert. Nor­ma­ler­wei­se glänz­ten in sol­chen Situa­tio­nen ihre Augen vor Trä­nen. Jetzt hin­ge­gen fun­kel­ten sie vor Wut.

»Guck dich doch ‘mal an. Selbst ‘ne schi­cke Ver­pa­ckung macht aus ‘ner Kaker­la­ke kei­nen Schmet­ter­ling. Kapier’s doch end­lich, die Toch­ter eines Säu­fers kann nie­mals wie ich sein. Du bist weni­ger als der Dreck unter mei­nen Nägeln.«

»Nele, nich’!«, obwohl sie den Schlag­ab­tausch zwi­schen den bei­den bis­her ziem­lich lus­tig gefun­den hat­te, spür­te Saskia all­mäh­lich, dass ihre Freun­din zu weit ging.

»Wie­so nich’? Es stimmt doch!«, gab Nele zurück, ohne den gerings­ten Hauch von Schuld­ge­fühl, wäh­rend Eve­li­ne der­weil Neles Hand los­ließ und ihre bei­den Hän­de zu Fäus­ten ball­te. »Sag ‘mal, wat ich schon immer wis­sen woll­te, wo kriegst du über­haupt die gan­zen neu­en Kla­mot­ten her? Dein Säu­fer­va­ter kann sie dir ja wohl kaum kau­fen!« Ein dia­bo­li­sches Grin­sen erschien auf Neles Gesicht. »Du sagst ja gar nichts! Ah, ich ver­steh … Mama sorgt dafür, dat die klei­ne Eve­li­ne alles bekommt, wat ‘se will. Wie macht die dat? Durch Put­zen doch wohl kaum! Aber viel­leicht hat ‘se ja zusätz­lich noch wat and’res lau­fen? Wat, wo man nich’ viel bei den­ken muss. Hast’e dat Talent von ihr geerbt? Wie die Mut­ter, so die Toch­ter! Bei­de dre­cki­ge, klei­ne Nut­ten!« Saskia sah etwas in Eve­li­nes Hand auf­blit­zen, doch noch bevor sie irgend­et­was sagen konn­te, etwas rufen konn­te, ihre Freun­din war­nen konn­te, hielt sich Nele den Bauch und starr­te erst ungläu­big auf den Blut­fleck, der sich dort bil­de­te, dann auf Eve­li­ne. Schließ­lich sack­te sie, wie in Zeit­lu­pe in sich zusam­men. Auch Eve­li­ne starr­te auf den Blut­fleck, dann jedoch auf das Mes­ser in ihren Hän­den. Kei­ner rühr­te sich.

»Sie hat mei­ne Mut­ter belei­digt! Hat sie doch, oder?«