1. Blick ins Buch
Der Wind peitschte die Gischt der Wellen bis an die Mauern der Tempelanlage. Donner grollten und Blitze zuckten, dabei regnete es in Strömen. Es sah fast so aus, als hätte man die Schleusen zum Olymp geöffnet, um die Wassermassen des gesamten Enipeas auf die Insel hinabstürzen zu lassen.
Anthanasios blickte betrübt hinauf zum Himmel. Das hier war ihre Strafe für den Hochmut und all die Dinge, die sie getan oder auch nicht getan hatten. Sie alle hatten den Zorn der Götter auf sich gezogen und nun ernteten sie die Früchte ihres Tuns. Da war es einerlei, dass sie eigentlich unter Poseidons persönlichem Schutz standen. Gegen die Allmacht seiner Brüder, deren Kinder und seiner eigenen konnte selbst der mächtige Herrscher der Meere nichts ausrichten, wenn sie sich zusammenrotteten.
Anthanasios seufzte leise. Er war der Seher, Priester und Berater des obersten Königs von Atlantis. Atlas sein Name, benannt nach seinem Vorfahren, dem Namensgeber der Insel, hatte jedoch all seine Warnungen ignoriert. Seine Machtgier und sein Hochmut hatten ihn sogar dazu getrieben, Athen anzugreifen, was eindeutig gegen den Willen der Götter geschehen war. Ungehorsam ertrug keiner von ihnen. Die Götter waren äußerst rachsüchtig. Und das, was jetzt folgte, war ihre Art, ihren Durst danach zu stillen.
Ein weiterer Blitz durchbrach die düstere Wolkendecke und schlug in eines der Gebäude, das sich in seiner unmittelbaren Nähe befand, ein. Menschen schrien und rannten ohne Ziel und Verstand panisch los, während ein erneuter Blitz das nächste Gebäude traf, um es in Schutt und Asche zu zerlegen. Gleichzeitig begann die Erde zu beben.
»Lauft zum Palast. Dort werdet ihr in Sicherheit sein«, schrie er ihnen zu, wohlwissend, dass sie alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, als dass sie auf seine Worte hören würden. Doch einen Versuch war es wenigstens wert.
In diesem Moment bewegte sich die Säule, neben der Anthanasios stand, ächzend, schwankte gefährlich und fiel dann in sich zusammen. Er schaffte es gerade noch, zur Seite zu springen, bevor er von ihrem Kapitell erschlagen werden konnte. Das brachte auch ihn dazu, loszustürmen. Allerdings nicht ziellos, wie all die anderen. Im Gegensatz zu all den anderen wusste er ganz genau, wohin er wollte. Seine Zöglinge brauchten jetzt dringend seine Hilfe. Sie mussten überleben, damit ihr Volk nicht vollkommen unterging. Leandros, Kyros, Arion, Nikos und Alexis waren ihre Zukunft. Die Jungen wussten es nur noch nicht. Sie ahnten es noch nicht einmal. Mit dem heutigen Tag würde ihre Kindheit enden.
Anthanasios seufzte zum wiederholten Mal. Er hatte es vorhergesehen, jedoch nicht, dass es so bald geschehen würde. Seine Schützlinge waren noch viel zu jung für die Verantwortung, die sehr bald schon auf ihren Schultern liegen würde. Aber es half ja nichts. Keiner der fünf konnte sich ihr entziehen. Nur zusammen würden sie es schaffen, den Untergang eines ganzen Volkes zu verhindern.
Die Erde bebte erneut, während das Meer sich zu gewaltigen Wellen auftürmte, dabei schlugen immer wieder Blitze ein. Anthanasios trieb sich selbst zur Eile an. Das Inferno war nah. Er musste die Kinder erreichen, bevor es endgültig zuschlug. Panisch rannte er an den von Trümmern erschlagenen Leichen vorbei, sprang über Geröll und hetzte schließlich ins Innere der Tempelanlage.
Im hinteren Bereich befanden sich die Kammern seiner Schützlinge. Er konnte nur hoffen, dass sie sich auch noch dort aufhielten. Sich auf die Suche nach ihnen zu begeben, dafür war keine Zeit.
Noch während er ein Stoßgebet in Richtung Poseidon vor sich hin murmelte, hörte er auch schon das leise Weinen eines Kindes. Das war eindeutig Alexis. Der Jüngste seiner Zöglinge war so jung, dass er sich kaum auf seinen kleinen Beinen halten konnte, aber man konnte schon jetzt erkennen, welche Kräfte einmal in ihm wohnen würden. Momentan allerdings war er noch ein Kleinkind, wie jedes andere. Leandros, der Älteste hingegen war schon dabei, sie zu entwickeln. Inwieweit er jedoch fähig sein würde, diese auch sinnvoll zu nutzen, würde sich noch zeigen.