2. Blick ins Buch
Aleen saß wieder einmal in ihrem Büro, über eine antike Schriftrolle gebeugt und studierte deren Inhalt. Die Zusammenarbeit mit Rod funktionierte besser als gedacht. Er hielt sich erstaunlich zurück in Bezug auf die Schlussfolgerungen, die sie aus ihren Studien zog, was Aleen nur recht war. Womit er sich jedoch nicht zurückhielt, war der Bereich Materialbeschaffung. So langsam allerdings bekam sie einen Überblick über all die Kopien, Folianten, Schriftrollen und andere alten Quellen, von denen Rod ihr immer wieder neue präsentierte, da er sie allem Anschein nach gehortet hatte, wie Fafnir den Goldschatz aus der Nibelungensage. Merkwürdigerweise waren es aber nicht nur Schriften der alten Philosophen, wie sie zuerst angenommen hatte, sondern auch moderne, die sich mit dem Thema Atlantis befassten. Atlantis … Der Mythos, der sie seit ihrer Kindheit faszinierte.
Einige Wissenschaftler gingen inzwischen davon aus, dass das ursprüngliche Atlantis in der Nähe der Insel Santorin gelegen hatte. Auf Thera, wie es auch genannt wurde, wurde 1967 eine Siedlung aus der Bronzezeit entdeckt, die den Namen Akrotiri hatte. Diese Stadt war in ihrer Blütezeit durch einen Vulkanausbruch verschüttet und auf diese Weise für über 3500 Jahre konserviert worden. Die Siedlung konnte demnach durchaus als Inspiration für Platons Geschichte von Atlantis gedient haben.
Der exzellente Erhaltungszustand der Gebäude und der Fresken war ein wahrer Pool an Informationen für Sozialanthropologen, denn sie gaben Einblicke in die Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Bronzezeit in der Ägäis.
Erstaunlicherweise war die Siedlung jedoch nicht von der Art, wie man sich eine bronzezeitliche Siedlung in Europa vorstellte, denn Theras Bewohner hatten bereits weitläufige, mehrstöckige Häuser mit Fenstern gebaut, während die Menschen auf dem restlichen Kontinent bestenfalls in Behausungen mit 2-3 Zimmern gelebt hatten. Was für einen hohen technischen Standard sprach. Wenn auch die Kultur an die Griechische angelehnt gewesen war, gab es dennoch einen großen Unterschied: Frauen schienen dort eine völlig andere Stellung besessen zu haben als im übrigen Griechenland. Laut der dort gefundenen Fresken waren sie sogar in gesellschaftlichen und spirituellen Führungsrollen zu finden gewesen, und das nicht nur als Priesterinnen und Tänzerinnen, sondern auch in Bezug auf die Führungsschicht.
Eine sehr interessante Vermutung, nicht nur im Vergleich zu Platon, dessen Frauenbild ja eindeutig das des Heimchens am eigenen Herd gewesen war. Dennoch oder gerade deshalb war es bemerkenswert, wie lange sich dessen Sichtweise gehalten hatte. Noch in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts war die Rolle der Frau ähnlich definiert gewesen. Mann, Kinder und Heim waren weitestgehend ihre einzigen Lebensinhalte gewesen. Der Mann als Herr im Haus hatte auch das Sagen. Wenn sie sich vorstellte, dass zu jener Zeit die Frau ihren Ehemann um Erlaubnis bitten musste, wenn sie arbeiten wollte, war das heutzutage zum Glück unvorstellbar. Schlimmer noch war die Tatsache, das alleinstehende, arbeitende Frauen oftmals als Emanzen gegolten hatten und deshalb auch für den Heiratsmarkt nicht mehr infrage kamen. Demnach hatte sich inzwischen doch schon einiges geändert, obwohl dieses Frauenbild noch immer in den Köpfen eines Großteils der männlichen Weltbevölkerung vorherrschte.
Da war das Frauenbild in Atlantis schon wesentlich interessanter. Wie fortschrittlich musste dieses Volk gewesen sein, bevor es von einem auf den anderen Tag komplett von der Bildfläche verschwunden war. Ausradiert wie eine nicht gelungene Bleistiftzeichnung oder ein falscher Satz.
Aleen seufzte leise. Zu schade, dass es bis auf die wenigen Fresken auf Santorin keine anderen Quellen gab, die eine Vorstellung vom Leben der atlantischen Frauen geben konnten. Wenn Platon diese gekannt hatte, und davon ging sie aus, war das wahrscheinlich in seinen Augen noch ein Fauxpas, den sich die Atlantiden in Bezug auf die göttliche Ordnung erlaubt hatten und somit auch ein weiterer Grund für den Untergang dieses Reiches. Natürlich nur, wenn Santorin tatsächlich zu Atlantis gehört hatte. Aber selbst wenn nicht, waren die Fresken dort eine Sensation. Das Rollenbild der antiken Frau vor in etwa 3500 Jahren war demnach doch nicht ganz so in Stein gemeißelt gewesen, wie sie zuerst angenommen hatte.