2. Blick ins Buch


Auszug aus Kapitel 3

Schließlich sahen sie in einiger Entfernung den Schein eines Feuers, auf das Shona geradewegs zusteuerte. Beim Näherkommen konnten sie auch erkennen, worum es sich dabei handelte. Mitten auf einer Lichtung brannte ein Lagerfeuer, um das vier Zelte gruppiert waren. Davor saß, ihnen mit dem Rücken zugewandt, ein Mann, der sich in eine mit einem schottischen Tartanmuster versehene Decke eingehüllt hatte. Das Einzige, was sie von ihm tatsächlich sehen konnten, waren sein breiter Rücken und sein Hinterkopf.

Was Manu allerdings etwas daran irritierte, war seine Frisur. Er trug einen Undercut und hatte die verbleibenden Haare zu einem dicken Zopf geflochten, der ihm bis auf den Rücken fiel, was sie an einen der Krieger aus der Serie The Vikings erinnerte. Zudem waren da Zelte.

Man erwartete doch nicht etwa von ihr, dass sie in einer dieser Behausungen schlief?

Noch während ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, stand der Mann, der offensichtlich gehört hatte, dass jemand wie eine Horde Elefanten durch den Wald trampelte, auf und drehte sich zu ihnen um. Er war tatsächlich nicht nur breit, sondern auch riesig. Doch das war Manu momentan vollkommen egal. Sie kochte bereits innerlich.

»Darf ich fragen, was das hier soll?«, platzte es aus ihr heraus. Der junge Mann, Logan, wie sie vermutete, zog verwundert eine Augenbraue nach oben und starrte sie an.

»Was was hier soll? Ich möchte Sie alle recht herzlich hier zu unserer Tour Na h-àiteachan as brèagha ann an Gàidhealtachd na h-Alba begrüßen. Oder Fàilte, wie man auf Gälisch zu sagen pflegt. Es freut mich, dass Sie sich für Turais Ghaidhealach na h-Alba entschieden haben«, antwortete er ihr, ohne auf ihre Frage einzugehen. »Mein Name ist Logan MacGregor. Der Einfachheit halber würde ich aber vorschlagen, dass wir uns beim Vornamen nennen. Dürfte ich jetzt auch eure Namen erfahren?« Manu hörte, wie Heidi leise neben ihr seufzte. Dann gab sie ihr einen leichten Schubs in die Seite.

»Wenn ich zehn Jahre jünger wäre«, flüsterte sie Manu ins Ohr. »Aber wir haben ja jemanden bei uns, der im richtigen Alter und noch dazu Single ist.« Manu warf ihr einen wütenden Blick zu.

»Eher gefriert die Hölle«, erwiderte sie ihr mit zusammengepressten Zähnen, was Heidi in lautes Gelächter ausbrechen ließ.

»Dürfen wir an eurem Amüsement teilhaben?« Jetzt war es Logan, der ihr einen wütenden Blick zuwarf. »Je länger das hier dauert, umso später können wir essen und uns hinlegen. Das sollten wir aber bald tun, denn ich möchte morgen früh bei Sonnenaufgang aufbrechen.«

»Ich werde garantiert nicht bei Sonnenaufgang aufbrechen und schon gar nicht in einem dieser Zelte übernachten. Shona, würden Sie so freundlich sein und mich zu dem Bus zurückbringen. Ich bleibe keine weitere Minute hier.«

»Manu«, zischte Rike sie daraufhin an.

»Rike, ich bin keine fünf mehr, sondern erwachsen. Das zieht bei mir nicht mehr. Da kannst du solange wie ein Schlage zischen, bis dir eine gespaltene Zunge wächst. Dennoch werde ich auf gar keinen Fall hier übernachten.« Sowohl Shona als auch Logan sahen sie nun irritiert an.

»Wieso buchen Sie eine Wandertour mit Übernachtungen in diversen Camps, wenn sie nicht zelten wollen?«

»Was?«

»In der Tourbeschreibung stand doch, dass es sich bei unserer Tour um eine Wandertour durch den Cairngorms National Park handelt. Ich dachte …« Manu war jetzt so wütend, dass sie nicht einmal mehr ihre äußere Ruhe aufrechterhalten konnte.

»Wandertour? Rike, wann wolltest du mir das sagen. Anscheinend gar nicht und jetzt …«, schrie sie ihre Schwester an.

»Beruhige dich«, versuchte diese sie zu beschwichtigen. »Wir wussten es auch nicht. Marga hat gebucht und …«

»… vergessen, euch zu sagen, dass ihr eure Wanderschuhe einpacken sollt? Was hat sie euch noch verschwiegen, dass wir Regenwürmer fressen und Rinde kauen werden?«

»Jetzt beruhigen wir uns erst einmal alle. Vielleicht wartet auf uns ja ein richtiges Abenteuer«, bemerkte Heidi leise.

»Ja eines, das wir in Stöckelschuhen durch die Pampa nennen können.«

»Manu, du benimmst dich wie ein trotziges Kleinkind. Jetzt warte doch erst einmal ab und lass Logan ausreden.« Mit diesen Worten wandte sich ihre Schwester dem Guide zu. »Mein Name ist Rike, das dort sind Bine und Heidi und diesen kleinen Trotzkopf hier nennt man Manu. Sie ist übrigens meine kleine Schwester und benimmt sich gerade auch so.« Ein breites Grinsen erschien auf Logans Gesicht.

»Na dann. Vielleicht hatten wir nicht gerade den besten Start, aber ich denke, wir sollten versuchen, das Beste daraus zu machen. Der Cairngorms National Park bietet ja nicht nur wunderschöne Landschaften, sondern auch einige alte Burgen, Städte und Ruinen, die bis in die Bronzezeit zurückreichen. Ihr werdet also nicht komplett von der Außenwelt abgeschnitten sein. Das Campen hat allerdings den Vorteil, dass wir nicht ständig zu einer Stadt zurückkehren müssen, sondern den direkten Weg zum nächsten Highlight nehmen können. Außerdem haben wir geplant, an einigen Tagen unserer Tour in einem Dorfgasthof unterzukommen. Wir werden demnach auch die Gelegenheit bekommen, hin und wieder zu duschen. Ich habe den Einstieg mit dem Camp gewählt, damit wir uns ein wenig besser kennenlernen, bevor wir durchstarten. Ich …«

»Dann nehme ich definitiv nur die Tage, in denen wir in den Gasthöfen unterkommen. Den Rest der Reise schenke ich mir«, bemerkte Manu und fuhr ihm damit ins Wort.

»Manu? So war doch dein Name?« Aus seinem Tonfall konnte man erkennen, dass auch er mittlerweile wütend war, allerdings noch immer versuchte, die Ruhe zu bewahren. »Ich denke, wir wissen jetzt alle zur Genüge, dass du nicht gerade begeistert von der Tour bist. Vielleicht solltest du mich erst einmal ausreden lassen. Deine Begleiterinnen scheinen nämlich nicht abgeneigt zu sein, es wenigstens zu versuchen.«

»Was hältst du davon, für heute erst einmal Ruhe zu geben. Vielleicht sieht morgen ja alles schon ganz anders aus«, versuchte Rike erneut auf sie einzureden. »Außerdem ist es mittlerweile stockdunkel. Du wirst doch nicht von Shona verlangen, mit dir um diese Zeit durch den Wald zu stolpern. Der Hinweg war schon schwierig, aber jetzt kann man so gut wie nichts mehr erkennen. Komm schon, gib dir einen Ruck. Du bist die Jüngste von uns, und wenn wir es aushalten, wirst du es mit Sicherheit auch.«

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